Fahrerflucht verjährt nie

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Was soll man machen, wenn man Opfer einer Unfallflucht geworden ist? Polizei, Vodoo, oder doch französisch?

Ich gebe zu: Bei 39 Grad am Wochenende auf Autobahnen rund um München unterwegs zu sein, in bester Ferien- und Reisezeit, das grenzt schon leicht an Wahnsinn. Blöderweise konnten wir uns das nicht aussuchen: Unser Urlaub war vorbei und wir hatten einen Termin einzuhalten.

Der Verkehr war entsprechend dicht und man konnte den Autofahrern die Hitze ansehen: an der Fahrweise und den gehetzten Gesichtern. Warum nochmal genau hatten wir ausgerechnet am heißesten Tag des Jahrhunderts den Bergsee verlassen? Ach ja, der Termin.

Zur Mittagszeit fuhren wir auf eine Raste bei München. Hölle. Chaos und Verstopfung überall, kein Parkplatz frei. Wir ergatterten dann doch noch einen, in bester Toiletten- und Restaurantlage. Die kleinen Freuden des Lebens.

Diese Freude allerdings hielt nicht lange an. Kaum zurück bemerkten wir eine schicke Delle an einer Tür. Vom Verursacher fehlte jede Spur. Fahrerflucht.

Ich schaltete innerlich kurz in den Berserker und dann in den Prism Modus. Doch nirgendwo war eine Kamera in Sicht. Wo ist der Überwachungswahn, wenn man ihn mal braucht? Wie gerne wäre ich in irgendein Büro rein, hätte die Filmaufnahme zurückgespult und mir genüsslich das Kennzeichen des Flüchtigen notiert.

Danach gäbe es dann mehrere Handlungsoptionen.

Kopfkino Option 1: Polizei verständigen, Versicherung. Papierkram. Freigegeben ab 6. Langweilig.

Kopfkino Option 2: Die Mafia Variante. Milieuluden mit russischem Akzent beauftragen. Freigegeben ab 18. Kann man machen.

Kopfkino Option 3: Den Autofahrer selbst stellen. Bei Uneinsichtigkeit kurz den Jason Statham in mir wecken. Freigegeben ab 16, aber eher unrealistisch. Ein typischer Statham Film halt.

Kopfkino Option 4: Vodoo. Obwohl: Braucht man dazu zwingend die genauen Daten des Fahrerflüchtigen? Funktioniert so ein anständiger Vodoo-Zauber nicht auch so?

Ein paar weitere Fragen drängten sich auf. Es wimmelte nur so von Leuten auf dieser Raststätte. Konnte niemand was bemerkt haben? Wie hoch ist die Bereitschaft zur Zivilcourage bei 39 Grad? Ist es zuviel verlangt, kurz das Smartphone zu heben und das Fluchtauto zu fotografieren? Wollte sich in dieser Gluthitze niemand als Zeuge zur Verfügung stellen?

Es war müßig. Der Täter war längst flüchtig, kein verfügbarer Zeuge, keine Kamera in Sicht. Überall nur Hitzeopfer. Ich entschied mich gezwungenermaßen für die französische Variante: Achselzucken, weiterfahren, ist doch egal. Das Leben ist schön! Das bringt zwar weder das Geld für die Reparatur wieder rein, noch befriedigt es den eigenen Gerechtigkeitssinn. Aber hey: Es war der heißeste Tag des Jahrhunderts! Alle waren total irre, und wir waren dabei!

Aufmerksame Frankreich-Kenner haben es wahrscheinlich schon bemerkt: Ein Franzose würde niemals einen Gedanken an eine Reparatur verschwenden. Aber ich bin Niedersachse mit drei Jahren Rheinland-Erfahrung. Mehr Frankophilie bekomme ich beim besten Willen nicht hin.

Die Lackprobe, die von deinem Auto an meiner Delle klebte, habe ich trotzdem gesichert, mein Freundchen. Das reicht für ein anständiges Vodoo-Ritual, ich habe mich da schlau gemacht. Nur für den Fall, dass ich mein Gerechtigkeitsgefühl irgendwann nicht mehr so entspannt französisch beiseite schieben kann. Und wer weiß, wie sich das Wetter noch so entwickelt.

Sei also lieber artig ab jetzt, zu deinen Mitmenschen, lieber Fluchtfahrer. Nicht Obama, nicht Prism, sondern Vodoo is watching you.

Fahrerflucht verjährt nie.

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