Warum ich meinen Anwalt nicht einfach kündigen sollte

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Juristisches Rubrik, Anwaltshaftung, Mandatsbeendigung, Anwaltswechsel, Rechtsanwalt

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Risiken der Mandatsbeendigung im laufenden Prozess

Das Mandatsverhältnis zwischen Rechtsanwalt und Mandant ist wesentlich vom Vertrauen geprägt.

Ist dieses Vertrauensverhältnis gestört, ist es aus Sicht aller Beteiligten eigentlich das Beste, das Mandat zu beenden. Gründe warum ein Mandat nicht funktioniert gibt es viele. Manchmal stimmt einfach die Chemie zwischen Rechtsanwalt und Mandant nicht.

Dennoch ist es nicht immer einfach möglich, oder gar empfehlenswert, ein Mandat zu kündigen. Grundsätzlich kann der Mandant jederzeit seine Vollmacht widerrufen und das Mandat beenden. Auch der Rechtsanwalt kann ein Mandatsverhältnis kündigen, allerdings mit der Einschränkung, dass er die Niederlegung des Mandats nicht zu Unzeit erklären darf.

Mandanten kommen häufig zu mir nach dem sie ein Mandat im laufenden Prozess gekündigt haben. Häufig finden sie sich dann in einer schlechteren Situation wieder, als sie durch die Beendigung des Mandats erreichen wollten. Um dies zu vermeiden, muss sich der Mandant der folgenden drei Punkte bewusst sein:

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem Gerichtsverfahren vor einem Landgericht. Für diesen Prozess haben sie eine Deckungszusage Ihrer Rechtsschutzversicherung oder Prozesskostenhilfe erhalten. Mit der Arbeit ihres Anwalts sind sie nicht zufrieden. Daher widerrufen sie die Prozessvollmacht und kündigen den Anwaltsvertrag mit ihrem Rechtsanwalt.

Mandanten geben als Grund für die vorzeitige Beendigung des Mandats später häufig an, dass der Anwalt nicht auf Nachrichten reagiert hat, Anwalt sich nicht aus kannte und / oder der Anwalt nicht alles in die Klage aufgenommen hat, dass der Mandant gerne vortragen wollte. Der Mandant befürchte daher, dass der Prozess verloren geht.

Da vor dem Landgericht Anwaltszwang besteht, müssen sie zur Fortsetzung des Verfahrens einen neuen Rechtsanwalt beauftragen. Der neue Rechtsanwalt wird allerdings in der Regel nicht ohne Vorschuss tätig werden.

Erstens: Als Mandant sind sie naturgemäß der Auffassung, dass der gekündigte Anwalt keinen Anspruch auf ein Honorar hat. Häufig stellt sich später heraus, dass dem nicht so ist. In jedem Fall werden sie die Klärung dieser Frage regelmäßig nicht sofort herbeiführen können. Der gekündigte Anwalt wird jedenfalls normalerweise an ihn geleistete Zahlungen nicht streitlos zurückerstatten. Dadurch fehlt Ihnen vielleicht das Geld für den geforderten Vorschuss des neu beauftragten Rechtsanwalts oder

Zweitens: Ihre Rechtsschutzversicherung oder die Staatskasse im Rahmen der Prozess - oder Verfahrenshilfe verweigern die Finanzierung eines weiteren Rechtsanwalts. Ein Anwaltswechsel wird nur beim vorliegen von wesentlichen Gründen akzeptiert werden. Ob ein Anwaltswechsel erforderlich gewesen ist, werden sie auch häufig nicht kurzfristig streitlos klären können.

Sie sollten sich daher zunächst eine zweite Meinung eines anderen Rechtsanwalts einholen (gegebenenfalls über Beratungshilfe). Ihr erster Anwalt hatte vielleicht gute Gründe, warum er nicht alles in die Klage aufgenommen hat, was Sie gerne vortragen wollten. Selbst wenn ihr Anwalt nicht perfekt oder völlig fehlerlos gearbeitet haben sollte, muss dies nicht immer ausreichend sein, einen Anwaltswechsel gegenüber der Versicherung oder der Staatskasse durchsetzen zu können.

Vor der Durchführung eines Anwaltswechsels sollten Sie als Mandant daher immer zunächst die Situation mit der Rechtsschutzversicherung oder dem Prozesskostenhilfegericht klären. Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, mit einem Anwalt eine Instanz zu Ende zu führen um sich eine zweite Baustelle im laufenden Prozess zu ersparen.

Drittens: Bitte beachten Sie, dass Sie verpflichtet sind, einen möglichen Schaden nicht zu verschlimmern: Schadenminderungspflicht des § 254 BGB.

Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihrem Anwalt im laufenden Prozess vor dem Landgericht gekündigt. Es sind noch keine Terminsgebühren und erst eine Gerichtsgebühr angefallen. Nach der Kündigung streiten Sie sich nun mit Ihrem ersten Anwalt und mit Ihrer Rechtsschutzversicherung oder dem Gericht über neue PKH, ob der Anwaltswechsel wirklich nötig war. Gleichzeitig hat der neu beauftragte Rechtsanwalt das Mandat wegen des ausbleibenden Vorschusses bereits wieder niedergelegt und fordert von Ihnen sein Honorar.

Schlimmstenfalls haben Sie nun vier Brandherde:

-       Ihr eigentliches Verfahren

-       Die Anwaltshaftungsache gegen Ihren ersten Anwalt

-       Eine Deckungsstreit mit der Rechtsschutzversicherung oder der Staatskasse

-       Ein Honorarstreit mit dem neu beauftragten Rechtsanwalt

Können oder wollen sie nicht kurzfristig einen Vorschuss leisten, geht der Prozess verloren, weil sie in der mündlichen Verhandlung ohne Prozessbevollmächtigten vor dem Landgericht nicht auftreten können.

Gehen wir davon aus, dass der gekündigte Rechtsanwalt tatsächlich einen Fehler begangen hat und dafür auch haftbar ist. Selbstverständlich machen Sie nun den gesamten Schaden gegen den Anwalt geltend.

Im Anwaltshaftungsprozess hält Ihnen der gekündigte Anwalt nun vor, dass Sie nicht alles getan haben, um den Schaden zu minimieren. Sie hätten nach der Kündigung des ersten Anwalts entscheiden müssen, ob der Prozess zu retten ist oder ob dieser kostengünstig abgebrochen werden muss. Sollten Sie den Prozess einfach „gegen die Wand fahren“, entstehen jedenfalls zusätzliche vermeidbare Kosten. Sie laufen Gefahr, diese Kosten am Ende des Tages nicht erstattet zu bekommen.

Holen Sie sich daher immer vor der Beendigung eines Mandats eine zweite Meinung ein und bringen Sie sich nicht einfach in eine Situation, welche Sie nicht alleine auflösen können. Ich berate sie gern.

Leserkommentare
von Britta123mitglied am 21.10.2015 19:49:16# 1
Super beschrieben. Danke
    
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