Schweigen heißt Ja

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Wie aus der "Generation Sicherheit" die "Generation Gefängnis" wird

In meinem ersten Trickfilm, den ich als Kind im Kino gesehen habe, gab es eine bemerkenswerte Szene: Ein Vogel war nach lebenslanger Gefangenschaft in einem Käfig endlich frei. Er lief fröhlich los, total aufgeregt, endlich raus! Die Freiheit vor Augen breitete er die Flügel aus, blickte hoch - doch er flog nicht. Zu groß war die Angst vor der Freiheit, dem Ungewissen. Eingeschüchtert kroch der Vogel zurück in den Käfig.

Mich hat das stark beeindruckt damals. Kann man tatsächlich so gebrochen sein, dass man freiwillig sein Gefängnis der Freiheit vorzieht?

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Heute weiß ich: man kann. Und man findet sie überall, diese Käfige. Ein Beispiel aus meiner Stadt, in der es eine gut gehende Gastronomie einer bekannten Kette gibt:

Eine Auszubildende hatte zweimal während der Ausbildung eine Torte fallen lassen. Dafür wurde sie im Kühlraum eingesperrt - die dort übliche Strafe für solche Missgeschicke. Ohrfeigen in der Küche waren an der Tagesordnung. Die Zustände waren menschenverachtend, menschenunwürdig, kriminell, trotzdem zog sie die Ausbildung durch.

Wie sähe das denn sonst aus, im Lebenslauf? Was sollte aus ihr werden?

An ihrem letzten Tag gab der Chef ihr zur Verabschiedung folgende Worte mit auf den Weg: Hau endlich ab, du Arschloch.

Freiheitsentziehung, Körperverletzung, Beleidigung, wahrscheinlich noch einiges mehr. Die Regel, nicht die Ausnahme. Was wie ein Märchen aus einer anderen Zeit klingt, einer dunklen Vergangenheit, passiert heute, in einer angesehenen Gastrokette, in einer Großstadt in Deutschland, im 21. Jahrhundert.

Die Gewalttätigkeiten des Chefs sind die eine Seite der Medaille. Warum die Auszubildenden und Angestellten sich das gefallen lassen, die andere. Niemand bietet die Stirn, zeigt Rückrat. Niemand geht zum Anwalt, niemand erstattet Anzeige. Niemand sagt: Mit mir nicht! Viele Auszubildende brechen zwar ab, aber viele bleiben auch.

Husch husch, zurück in den Käfig.

Situationen, in denen Unrecht ohne Gegenwehr zugelassen wird, gibt es viele. Wir lassen das mit uns machen und beschwichtigen uns dann zurück in den Käfig. Ach komm, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Husch husch. Aus Angst vor einer ungewissen Zukunft, aus Angst vor einer Kündigung, aus Angst vor Komplikationen, unrunden Lebensläufen, Gerede, Konfrontation.

Wie viele gehen morgens mit Bauchschmerzen zur Arbeit, quälen sich aus dem Bett für eine Sache, hinter der sie nicht stehen? Kuschen vor einem Chef, tragen Entscheidungen mit oder führen sie aus, die sie falsch, unmenschlich, unethisch, grausam oder dumm finden? Weil sie Angst vor einer ungewissen Zukunft haben?

Wie viele lassen das mit sich machen und ziehen sich in ihren Käfig zurück?

Die Enthüllungen von Edward Snowden sind ein weiteres Beispiel, bei dem klar wird: Wir alle sind der Vogel. Unsere Regierung und wir selbst beschwichtigen uns in den Käfig zurück. Sicherheit, husch husch.

Wer schweigt und im Angesicht von Unrecht nicht handelt, der stimmt dem Unrecht zu. Dabei haben wir keinen Vertrag unterschrieben, der uns in den Käfig zwingt. Wir können jederzeit entkommen. Sicherheit ist eine Illusion, Spontanität und Ungewissheit sind Chancen. Wenn man das erkennt, kommen Zivilcourage und ein eigenes Rückrat von allein.

Leserkommentare
von geprellt95 am 01.11.2013 16:25:29# 1
...nur nach den Vorkommnissen und Erlebnissen, die seit 1945 unsere Gesellschaft geprägt hat, ist es schwer aus diesem imaginären Käfig zu entkommen... das wußte schon mein Opa, der vor dem Krieg ein Gutsverwalter war und nach dem Krieg - er und seine Familie war aus Schlesien vertrieben worden - war er ein gebrochener Mann, was - ich gestehe es - auch mich geprägt hat und größtenteils auch unbewußt mich beeinflußt...
    
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