Primark ist nicht das eigentliche Problem

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Die Billigkette Primark unterscheidet von anderen globalen Firmen einzig, dass sie die Wegwerfgesellschaft noch konsequenter bedient als der Rest

Über die Billigkette Primark wird viel geredet in diesen Tagen. Viel geschimpft und viel mit dem erhobenen Zeigefinger argumentiert. Warum? Hilferufe von Näherinnen sollen in den Klamotten von Primark gefunden worden sein, Hilferufe, die über unmenschliche Zuständen bei der Produktion berichten. Es häufen sich die Artikel, die Primark verteufeln und zum Boykott aufrufen. "Primark macht hässlich".

Zugegeben, ich staune auch täglich, wenn die Massen durch die Fußgängerzone pilgern, in jeder Hand drei Primark Einkaufstüten Größe XXXL, mit T-Shirts für 3 Euro und Jeans für 9. Das Problem ist aber nicht Primark. Das Problem sind auch nicht die ganzen anderen großen Kleidungshersteller, egal ob teure Marke oder billig billig, denn fast alle haben gemein, dass sie in Asien in Sweatshops zu Niedriglöhnen und miesen Bedingungen produzieren. Viele, die jetzt gegen Primark wettern, tragen Kleidung von Abercrombie & Fitch, Nike, Calvin Klein, Dolce & Gabbana, Quiksilver, Adidas etc. und glauben, dass "ihre" teureren Marken anders produzieren als Billigketten.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Anders hieße: Nicht in Niedriglohnländern, von Erwachsenen, unter fairen Bedingungen, gesundheits- und umweltschonend, sozial abgesichert. Das ist, leider, genauso falsch wie naiv. "Das meiste, was wir tragen, wird in Schwellenländern produziert - unter fragwürdigen Bedingungen." "Made in Italy" heißt heute übersetzt: "Made in Sweatshops".

Primark unterscheidet von anderen globalen Firmen einzig, dass es die Wegwerfgesellschaft und den Konsum noch konsequenter bedient als der Rest. Wenn Sie glaubten, IKEA verführe seine Besucher ziemlich geschickt zum Kauf von Sachen, die man weder wollte, noch brauchte, dann waren Sie noch nicht in einer Primark Filiale. Auch die Macher von H&M sind regelrechte Amateure gegen die Billigproduzenten aus Irland, die eins perfektioniert haben: Masse en mass billigst verkaufen.

Teure globale Marken produzieren aber meist genauso, unter denselben Bedingungen, in denselben Schwellenländern, nur vielleicht in nicht ganz so großer Skalierung. Und teurer heißt dann auch nicht gleichzeitig, dass die Klamotten länger halten oder die Produktion menschenfreundlicher abläuft. Teure Marke und mindere Qualität, das schließt sich heute bei Anziehsachen nicht mehr aus. Dafür geht eben mehr Geld ins Marketing, damit der Konsument glaubt, die Marke würde sein Leben ach so sehr bereichern. Nike souffliert „Just do it“, Adidas geht „all in“, Rip Curl sucht mit "The Search" die beste Welle, Hollister will die Marke der Schönen sein - aber die Näherinnen sehen von dem Verkaufspreis genauso wenig wie die Näherinnen von C&A. Das restliche Budget geht dafür drauf, die Marke juristisch "zu verteidigen".

In dem achtstöckigen Gebäude, das 2013 in Bangladesh eingestürzt ist und bei dem 1127 Menschen getötet und 2438 verletzt wurden, haben 18 westliche Modefirmen produziert. Billige und teure.

Die meisten westlichen Kleidungsfirmen drücken sich in Bangladesh übrigens immer noch vor den Entschädigungszahlungen und argumentieren, sie wären nur über Zwischenhändler involviert und würden daher keine Verantwortung tragen. Eine der ganz wenigen Firmen, die beim Gebäudeeinsturz in Sabhar bislang klar Verantwortung übernommen und auch Entschädigung gezahlt hat: Primark.

Provokantes Fazit: Wer nicht selbst näht, die Wolle seinem eigenen Hausschaf aus dem Nacken massiert oder die Baumwolle im Garten selbst anbaut, ist Teil der Maschinerie. Natürlich gibt es auch die Gegenbewegung, kleine regionale Marken, die im Umkreis produzieren, alle Rohstoffe möglichst nah beziehen und alle Glieder der Herstellungskette offenlegen. Marken, die auf Klasse und nicht auf Masse setzen. Nachhaltigkeit statt Wachstum. Aber welcher der Primark Hasser kauft diese Marken tatsächlich? Und wer schlägt nicht wieder zu, halbjährlich, wenn Quiksilver oder wer auch immer neue, stylishe Produkte auf den Markt wirft? Wieviel paar Schuhe sind in Ihrem Schrank, und glauben Sie wirklich, die wurden wie früher in Italien handgefertigt? Warum halten Turnschuhe heute eigentlich nur noch eine Saison?

Es hilft nicht, Primark zu verteufeln, oder Kunden von Primark, oder die Gesetzgeber bei uns oder in Schwellenländern, oder die ganze Textilindustrie. Oder jedwede Industrie, oder den Kapitalismus an sich. Aber es würde enorm helfen, ehrlich zu sich selbst zu sein. Gewissensberuhigung hier, Fünfe gerade lassen dort, mit dem Finger auf andere zeigen hier, aber selbst verdrängen und nicht sehen wollen dort - das alles ist schizophren. Wir sind das Problem, wenn wir uns selbst verarschen und immer nur anderen die Schuld geben.

Wer nicht bereit ist, selbst zu produzieren und regionale Firmen zu unterstützen, wer den Markenhype weiter mitmacht - der ist eben einfach noch nicht bereit. Und die wenigsten von uns sind das. Dann sollten wir aber auch nicht verächtlich auf Primark-Kunden herabschauen. Die sitzen im Boot neben uns, deren Boot mag billiger sein, aber wir schaffen es beide nicht, die leidbringende Strömung zu verlassen.

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