Die Burschenschaft, die rechte Burschen schafft

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Meinung Rubrik, Burschenschaft, Dachverband, Rechtsextremismus, Studentenverbindung, schlagende Verbindung, Mensur

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Der Dachverband der Deutschen Burschenschaften hat außerordentlich getagt. Außerordentlich rechts.

Kommentar

Mein Großvater war in einer schlagenden Verbindung. Bei seinen Kameraden war er wegen seiner Geselligkeit beliebt, wegen seiner Tapferkeit gelobt. "Ein Pfundskerl". Unzählige Schmisse zierten sein Gesicht, das mich auf den alten Schwarz-Weiß Fotos traurig und ernst anblickt. Diesen traurigen Blick hat er schon als kleiner Junge, da sitzt er wie ein kleiner Soldat, in kompletter Uniform, auf einem Holzpferd, mit Speer und Fahne in der Hand. Oder auf einem Foto von 1917, diesmal als echter Soldat, in einem Krieg, in den er jubelnd direkt von der Schulbank gelaufen ist, genau so wie in dem Film "Im Westen nichts Neues". Kindsoldat - 1917 war er erst 17 Jahre alt.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

1939 ging er als Stabsarzt erneut in den Krieg und kam im selben Jahr, noch vor Beginn der eigentlichen Kämpfe, bei einem Manöver um. Anlässlich seines Begräbnisses lobten seine Burschenschaftlerkameraden seine Geselligkeit, seinen Mut, seine Kameradschaft, seinen Nationalismus. Aus einem der verfügbaren Nachrufe erfahre ich, dass mein Großvater zusammen mit anderen Burschenschaftlern 1920 den Ruhraufstand mit niedergeschlagen hat. Mein Opa stand dabei hinter einem schweren Maschinengewehr.

Ich selbst wuchs - wie mein Opa - in Göttingen auf, eine Stadt, in der es viele Burschenschaften und Studentenverbindungen gibt. Hin und wieder sah man farbentragende Burschenschaftler durch die Göttinger Altstadt laufen - für mich jedesmal ein skurriles Bild aus einer anderen Welt. Ein Lehrer in meiner Schule war alter Burschenschaftler und machte immer mal wieder Werbung für seine Verbindung. Er lud seinen Oberstufenkurs zu diversen Veranstaltungen ein. Ich war nie dabei und weiß heute nicht mehr, ob in dieser farbentragenden Burschenschaft auch gefochten wurde - auf jeden Fall wurde dort hart gesoffen.

Diejenigen aus meiner Stufe, die die Einladung des Lehrers und das damit verbundene Freigelage dankend angenommen hatten, lernten dort erstmals eine völlig neue Bedeutung für das Wort "Pabst" kennen. Wurde der Pabst in meinem Freundeskreis eher unfreiwillig genutzt, so soll der ein oder andere Burschenschaftler die regelmäßige Frequentierung des Kotzbeckens perfektioniert haben - schnell kotzen, dann weitersaufen.

Auch mein Großvater war ein großer Trinker. National, konservativ. Weit, weit rechts. Er wollte lieber sterben, als in einem liberalen Deutschland leben. Es scheint sich nicht viel geändert zu haben, seit damals.

Denn diesen Samstag tagte der Dachverband deutscher Burschenschaften. Nur mit Mühe konnten die liberaleren Burschenschaften sich mit ihrem Antrag durchsetzen, den Verbands-Chefredakteur wegen seiner rechtsextremen Äußerungen abzusetzen. Der Chefredakteur hatte den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer einen Landesverräter genannt und dessen Hinrichtung gerechtfertigt. Im Januar beginnt der Strafprozess. Der vom rechten Flügel geforderte "Ariernachweis" ist allerdings noch nicht vom Tisch, die Entscheidung wurde vertagt. Stein des Anstoßes war ein Burschenschaftler, der sich zum deutschen Vaterland bekennt und Schmisse vorweisen kann - allerdings auch chinesische Eltern.

Die Wiener Teutonia hat jetzt den Vorsitz der Deutschen Burschenschaften, zuletzt aufgefallen durch rassistische und antisemitische Verunglimpfung. Burschenschaften sind und bleiben ein erzkonservativer Haufen mit einem starken rechtsextremen Flügel. Mein Großvater würde sich dort immer noch sichtlich wohl fühlen.

Was auch immer jemdanden dazu veranlasst, in so eine reaktionäre Vereinigung einzutreten, er wird seine Gründe haben. Familientradition, ein günstiges Zimmer während des Studiums, Einsamkeit, Angst, der Wunsch, dazuzugehören, zu einem vermeintlich elitären Kreis, einer eingeschworenen Gemeinschaft, Männlichkeit beweisen, das Streben, etwas zu verändern, das Streben, etwas zu erhalten…

Die schlagende Burschenschaft hatte bei uns Familientradition. Mein Vater brach mit dieser Tradition. Ich verurteile meinen Großvater nicht mehr dafür, dass er in einer schlagenden Verbindung war und stolz auf seine "männlichen" Narben, dass er ein Nationalist war, der unzählige Menschen getötet hat. Ich werfe ihm auch nicht mehr vor, dass er kaum zu Hause, kein guter Vater und lieber saufen war.

Verurteile keinen Menschen, in dessen Mokassins du nicht gelaufen bist.

Was ich aber kann: Ich kann annehmen, dass es so war und dass mein Opa ein Teil davon war. Ja, meine Familie ist auch ein Teil dieser deutschen Geschichte und für viele Menschenleben verantwortlich. Es sehen und wahrnehmen heißt nicht, es gutzuheißen und nachzumachen. Im Gegenteil: Nur wenn ich es nicht verdränge, es nicht vergesse, diesen Teil sehe, dann kann mein Weg ein anderer, meine Wahrnehmung eine offenere sein.

Ein Nachfahre von Dietrich Bonhoeffer war auch auf meiner Schule. Sah ich Rechtsextremismus und Burschenschaften damals noch als Teil einer anderen, vergangenen Welt an, so kann ich heute sehen, dass es die Gesinnung von damals auch im Jahre 2012 in Deutschland immer noch gibt. Dass die autoritären Strukturen sich erhalten haben und weiter wirken.

Ich kann es sehen und daher anders machen, meinen Kindern andere Werte vorleben. Die Deutschen Burschenschaften sind daran nicht interessiert. Im Gegenteil, sie sind explizit reaktionär und die nächsten Kandidaten, die sich hinter das schwere Maschinengewehr stellen.

Leserkommentare
von steinbockmen am 29.11.2012 21:12:36# 1
Warum verurteilen und verunglimpfen Sie andere Lebensauffassungen !?
Was Sie für sich beanspruchen, gestehen Sie anderseits anderen nicht zu !!!
Warum sind Sie der Meinung, ihre Rot-Grüne Weltanschauung ist die bessere !?
Es ist fast schon unerträglich, das überall Gutmenschen ihren Senf über anderssein dazugeben müssen.

Steinbockm


    
von AK 47 am 30.11.2012 10:54:42# 2
@steinbockmen
Rechtsextremismus als nur eine andere Lebensauffassung zu verharmlosen, ist schon sehr naiv.
    
von Rechtsanwalt Stefan Musiol am 13.12.2012 16:30:03# 3
Gratuliere! Es stimmt wirklich, dass diese antidemokratischen Klüngel mit ihren Seilschaften auch der Korruption Vorschub leisten. Das gilt auch für "liberale" Seilschaften. Mitglieder verpflichten sich, andere auch im Beruf zu unterstützen. Dies ist auch heute nicht zu unterschätzen. Eine Gefahr besteht dann insofern, als immer noch Rechtsextremisten unterstützt werden. Man stelle sich vor, so jemand arbeitet beim Verfassungsschutz..... Das erklärt viele seltsamen Vorgänge. Der Beitrag ist hervorragend geschrieben.
    
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