Der Anwalt der Zukunft

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Rechtsanwälte sollten der Gesellschaft dienen, nicht sich selbst

Im Jurastudium kommt es oft zu unwürdigen Szenen, die muss man selbst gesehen haben, sonst glaubt man sie nicht.

Nach Ausgabe einer Hausarbeit bildet sich früh morgens vor der Bibliothek für Rechtswissenschaften eine Traube von Studenten. Die besten Plätze werden gesichert, man erwartet mit den Füßen scharrend die Öffnung der heiligen Hallen. Sobald die Pforten auf sind, beginnt der Wettlauf: Wer sichert sich die besten Bücher zum Lösen der Hausarbeit?

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Es wird gestürmt, geschoben, gedrückt. Hauptsache, man kann einen großen Haufen juristischer Fachliteratur auf seinem Platz horten. Dieses Phänomen lässt sich in allen juristischen Fakultäten in Deutschland beobachten. Zusätzlich zum Wettrennen werden die relevanten Bücher dann abends versteckt und sogar die entscheidenden Seiten aus den Auflagen herausrausgerissen. Handfeste Sachbeschädigungen und sogar Diebstahl: Die künftigen Anwälte des Rechts, des Staates und auch Richter mutieren im Jurastudium zu Egomonstern.

Das liegt zum einen daran, dass die Anzahl von juristischen Büchern in juristischen Bibliotheken stark begrenzt ist, aber alle Studenten die Hausarbeiten im gleichen Zeitraum lösen müssen. Das an sich rechtfertigt aber noch keinen Egoismus, Unkollegialität, Rauditum und sogar Straftaten. Man könnte sich durchaus arrangieren, trotzdem setzen viele nur ihre Scheuklappen auf. Jeder ist sich selbst der nächste.

Das Jurastudium kann als Spiegelbild für die Gesellschaft genommen werden. Wir sitzen alle im selben Boot, nehmen aber lieber die Zerstörung der knappen Ressourcen in Kauf, als uns zurückzunehmen oder mit anderen zu arrangieren. Wir horten und grenzen uns ab, sichern, was wir haben. Wir haben Angst und werden regiert vom Leistungsgedanken, von Noten, Titeln und Output.

Wir rücken die Einschulung nach vorne, komprimieren die Schulzeit, um schneller Leistung zu bringen und "konkurrenzfähig" zu sein. Wir treiben die Spezialisierung auf die Spitze und machen aus Menschen Maschinen. Wir funktionieren innerhalb der Norm.

Das Internet nimmt vieles vorweg, was in der Gesellschaft und in der Ausbildung - nicht nur der juristischen - erst noch ankommen muss: Öffnung der Märkte, völlig neue Kommunikation, Lösungswege und Denkansätze. Einfacher Zugang zu Spezialwissen, für jedermann, leicht verständlich aufbereitet. Soziale Kompetenz und Vernetzung. Anderen gerne helfen und Wissen teilen.

Viele sind damit noch überfordert. Für sie ist das Internet tatsächlich Neuland. Das liegt aber nicht nur an den unverständlichen technischen Begriffen und Möglichkeiten. Das liegt vor allem daran, dass in unserer Ausbildung - auch in der Schule - immer noch falsche Schwerpunkte und Kompetenzen vermittelt werden.

Es zählt weder die Person als Ganzes, noch ihre soziale Kompetenz oder ihre individuellen Vorlieben und Interessen. Stärkere werden nicht dazu animiert, den Schwächeren zu helfen. Gemeinsam auf unterschiedliche Art und Weise an Lösungen zu arbeiten, unterschiedliche Wege und Geschwindigkeiten zuzulassen - das ist nicht gefragt.

Aber mit Wissen und guten Noten und Doktortiteln alleine wird man weder ein guter Anwalt, noch Richter - noch sonstwas. Ein Anwalt etwa, der nur den Mandanten und nicht den Menschen sieht, der sich nicht in die Gegenseite hineinversetzen kann und nur gelernt hat, Paragrafen zu reiten - der mag derzeit vielleicht noch Erfolg haben. Ein guter und auf die Zukunft vorbereiteter Anwalt ist er deswegen noch lange nicht.

Der Anwalt der Zukunft schottet sein Wissen nicht ab, sondern teilt es gerne. Er hat keine Angst, dass ihm andere dadurch sein Geschäft wegnehmen, denn er vertraut darauf, dass sein Geben auch wieder zu ihm zurückkommt. Er erarbeitet neue Lösungen mit anderen zusammen und sucht ständig neue Wege. Er spricht eine verständliche Sprache und ist erreichbar. Er nutzt die Öffnung des Marktes, anstatt sich vor ihr zu fürchten. Der Anwalt der Zukunft löst Konflikte, ohne dabei neue zu schaffen. Der Anwalt der Zukunft dient der Gesellschaft, nicht seinem Ego.

Leserkommentare
von Rechtsanwalt Thomas Bohle am 20.09.2013 09:37:01# 1
Wer immer der Verfasser dieser Worte sein mag, so wird er sich an seiner eigenen Verhaltensweise messen lassen müssen.
    
von Rechtsanwalt Krim.-Dir. a.D. Willy Burgmer am 20.09.2013 17:01:28# 2
Das war schon in den 60er Jahren so und scheint demnach auch heute noch so zu sein.
    
von Heiner S. am 27.09.2013 13:30:13# 3
Als Nichtjurist kann ich nur sagen, mich wundert asoziales Verhalten unter Juristen nicht (mehr). Als jüngerer Mensch hatte ich noch den Begriff "Rechts"-Anwalt wörtlich genommen und geglaubt, diese Leute würden das Recht vertreten. Eine zivilrechtliche Auseinandersetzung mit Verwandten meiner fast 100-jährigen Mutter, die ihr nach dem Tode meines Bruders nicht nur dessen auf sie abgeschlossene Lebensversicherung abgenommen haben, sondern sie darüber hinaus betrogen und schwer geschädigt haben, hat mich eines besseren belehrt. Ich musste lernen, dass Anwälte in Vertretung ihrer Mandanten sogar vor Gericht straflos lügen dürfen und durch gezielte Verwirrspielchen und Beschaffung falscher Zeugenaussagen alles tun können, um die Aufklärung der Sachverhalte zu verhindern. Natürlich liegt das Strafrisiko auf Seiten der falschen Zeugen, denn dem Anwalt passiert nichts, wenn die Sache auffliegt. Und natürlich ist es "rechtens", wenn er bei dem Alter der Geschädigten gezielt auf Zeit spielt. Vermutlich darf man diesen Un-Rechtsvertreter nicht einmal als asozial bezeichnen, obwohl er das natürlich ist.
So verliert man als Betroffener den Respekt vor der ganzen Berufsgruppe. Vielleicht zu Unrecht, denn wohl nicht alle sind so. Hoffentlich. Die anderen werden vermutlich nur ein hämisches Grinsen für meine Erfahrung übrig haben. Gut gemacht, Kollege.
    
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