Zeuge in Motassadeq-Prozess: Atta war Fanatiker
AFP VOM 4.12.2002 | Nachrichten - Aktuelle Prozesse | 23123 Aufrufe Mehr zum Thema:Motassadeq
- Ex-Kommilitone traute Hamburger Gruppe aber keine Anschläge zu
Im Prozess gegen den mutmaßlichen Komplizen der Attentäter vom 11. September, Mounir El Motassadeq, hat ein Zeuge den späteren Todespiloten Mohammed Atta als religiösen Fanatiker beschrieben. "Für Mohammed Atta war die Religion kein Spaß", sagte der frühere Kommilitone Achmed M. vor dem Oberlandesgericht in Hamburg. "Er war der härteste, ich kannte keinen zweiten wie ihn." Atta habe auch versucht, andere Studenten für seine strengen Glaubensansichten zu gewinnen, sagte der 28-Jährige. Anschläge habe er der Hamburger Gruppe aber nicht zugetraut. Einige Zeugen relativierten unterdessen ihre Aussagen zur angeblichen Gewaltbereitschaft Motassadeqs.
Achmed M. studierte von 1996 bis 1998 in Hamburg und gehörte zum Freundeskreis um Atta und Motassadeq. Der sudanesische Flugzeugbau-Student versicherte als erster Zeuge in dem Prozess, er habe den Freunden nicht zugetraut, dass sie "zur Waffe greifen". Motassadeq schilderte er als stille, um Ausgleich bemühte Person. Der Angeklagte habe bei Diskussionen mit Atta zuweilen versucht, "vom Thema abzulenken, weiter Spaß zu machen".
Motassadeq habe er deshalb auch nicht zugetraut, dass er zur militärischen Schulung in ein El-Kaida-Lager nach Afghanistan reisen könnte, sagte M. Er glaube bis heute, dass der Angeklagte bei seiner Unterzeichnung von Attas Testament nichts von dessen Anschlagsplänen ahnte, sondern dies als allgemeine religiöse Handlung verstand. "Es gibt hier ein großes Missverständnis, dessen Opfer Mounir ist", versicherte Achmed M. Er räumte aber ein, dass er bei einer früheren Vernehmung ausgesagt hatte, eine "krasse" Fanatisierung bei Motassadeq beobachtet zu haben.
Auch weitere Zeugen nahmen frühere Aussagen zur angeblichen Gewaltbereitschaft des Angeklagten zurück. Reinhard M., ein früherer Vermieter des Angeklagten, bezeichnete seine Behauptung als überzogen, wonach Motassadeq "notfalls seine ganze Familie umbringen würde, wenn es sein Glaube erfordert". Der Zeuge erklärte die Aussage mit seiner damaligen Empörung über die mögliche Verstrickung Motassadeqs in die Anschläge.
Die Bundesanwaltschaft hält Motassadeq für den "Statthalter" der Attentäter vom 11. September in Hamburg und wirft ihm Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Mord an mehr als 3000 Menschen vor.
30. Oktober 2002 - 17.24 Uhr
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