"Wenn Sie nicht aus der Kirche austreten, bekommen Sie von uns ein iPhone 5"

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Was Religionsgemeinschaften sich bei Kirchenaustritten von der Telekom abkucken können

Ich bin vor ca. zehn Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Zu den Gründen nur so viel: Ich habe Respekt vor den Religionsstiftern - vor ihren heutigen Auslegungen allerdings weniger.

Da saß ich nun in diesem Vorzimmer beim Standesamt und füllte den Bogen zum Kirchenaustritt aus. Komme ich jetzt nicht in den Himmel? Trifft mich gleich der Blitz? Ich habe den Bogen abgegeben und diesen Schritt nie bereut, nie zurückgeblickt, nie wieder etwas von meiner damaligen Kirche oder Gemeinde gehört.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Das ist mittlerweile anders. Vor drei Jahren ist ein Kollege von mir aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Er hat kurz danach einen gesalzenen Brief von seinem Pfarrer bekommen, sozusagen eine Kündigungsbestätigung. Seine kirchlichen Rechte seien nun verwirkt, er dürfe nie mehr in die Kirche kommen, und wenn dann Heiligabend ist, alle anderen in die Kirche gehen, spätestens dann würde er es bitter bereuen, ausgetreten zu sein.

Kein Witz! Überzeugende Argumente... Anstatt mit Leistungen der Kirche - Jugendarbeit, Seniorenarbeit, Wohltätigkeit - wird man mit der Angst konfrontiert, der Angst des Alleinseins, des Ausgestoßenen. Mein Kollege war so sauer, dass er den Brief direkt weggeschmissen hat. Sehr schade, ich hätte ihn gerne komplett gelesen.

Die katholische Kirche verschickt nach Austritt ebenfalls einen Brief und lädt außerdem zu einem Gespräch mit dem Pfarrer ein. Feedback vom abtrünnigen Gemeindemitglied? Eher weniger, auch der Katholik arbeit hier mit erhobenem Zeigefinger: "Im Auftrag des Bischofs muss ich Sie allerdings auch über die Wertung des Kirchenaustritts unterrichten und über die Folgen, die dieser in kirchenrechtlicher Hinsicht nach sich zieht." Es werden die Folgen aufgezählt, nicht ohne nachzuschieben, dass der Austritt "eine schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft" sei.

Harte Worte. Wird man so zum Umdenken bewegt? Kaum, aber darum geht es auch nicht. Es geht um die Stellung von Kirche und Staat und vor allem um Steuergelder. Aber der Reihe nach:

2006 hatte der päpstliche Rat erklärt, dass man den Abfall vom Glauben ausdrücklich gegenüber der Kirche erklären müsse, eine Behörde reiche nicht. Ok, sagte sich da wohl der katholische Kirchenrechtler Zapp und erklärte 2007 seinen Austritt aus der "Körperschaft des öffentlichen Rechts", um keine Kirchensteuer mehr zu zahlen. Den Glauben hatte er nicht verloren, in der katholischen Kirche wollte er bleiben.

So geht das aber nun auch nicht! Die katholische Kirche war alarmiert. Mitglied ohne Steuern? Nichts da, zahlen oder draußen bleiben! Man erließ auch gleich ein Dekret, in dem die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche ausdrücklich von Steuerzahlungen abhängig gemacht wird. Die Briefe und Gespräche nach einem Austritt wahren jetzt den Schein und die Vorgabe des päpstlichen Rates, dass die Kirche selbst den Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft erklären müsse.

Zapp hat heute vor dem Bundesverwaltungsgericht verloren - ein Teilaustritt zum Steuersparen ist nicht möglich. Vielleicht überdenken die Kirchen ja jetzt im Nachgang ihre Brief-Taktik noch einmal. Anstatt nachzutreten oder drohend rüberzukommen, sollte man sich eher an der gängigen Praxis von Telekommunikationsunternehmen orientieren. Man sollte versuchen, den "Kunden" zu halten, ihn zur Vertragsverlängerung zu bewegen oder sogar Kunden von der Konkurrenz abwerben.

"Was können wir denn für Sie tun, damit Sie es sich anders überlegen?"

"Was bieten Sie mir denn, wenn ich verlängere? Immerhin gibt es bei der Konkurrenz jede Menge Jungfrauen, ein paar mehr Feiertage oder fröhliche Gottesdienste mit Tanzen und Gospelchören. Wie wäre es mit dem iPhone 5 und einer kostenlosen Sühne App?"

"Wie zufrieden sind Sie denn mit dem Service Ihres derzeitigen Anbieters? Wir erledigen für Sie alle Formalitäten und sprechen sogar mit Ihrem Pfarrer. Sie müssen nichts unternehmen. Ihre Sühnepunkte werden zu uns rübergeholt. Und als Dankeschön können Sie sich direkt ein paar Sünden aussuchen, die wir Ihnen erlassen."

Da gibt es noch viel mehr Potential, Kirchen könnten hier von Telefonanbietern einiges lernen. Zweijahresverträge, Werbeanrufe, abwerben, Umzugsservice, Geschenke, Leistungen unterjubeln, die nie bestellt waren.

"Nein, keine Sorge, wir schicken Ihnen nur ein unverbindliches Angebot zu" - und zack, bekommt man eine Vertragsbestätigung: "Danke, dass Sie sich für unseren Himmel entschieden haben. Wir sind besonders froh, dass Sie zusätzlich die Flatrate für den Sündenerlass zum Aufpreis von 13,23 Euro im Monat entschieden haben!"

In Zukunft wird es bestimmt interessant beim Kirchenaustritt. Und vielleicht ruft mich ja doch noch jemand an, nach zehn Jahren. Ich jedenfalls freue mich auf das Gespräch!

Leserkommentare
von Möhrchen07 am 28.09.2012 11:15:46# 1
Großartig!
    
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