Von den Reichsparteitagen zu den Nürnberger Prozessen
AFP VOM 17.11.2005 | Nachrichten - Allgemein | 32789 Aufrufe Mehr zum Thema:Völkerrecht, Nürnberger, Prozesse
- Fränkische Metropole geht offensiv mit ihrer Geschichte um
Unter Adolf Hitler war es die Stadt der Reichsparteitage. Heute steht "Stadt der Menschenrechte" im Briefkopf von Nürnberg. Zur Feier des 60. Jahrestags des Beginns der Nürnberger Prozesse ist mit Philippe Kirsch, dem Präsidenten des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, extra der Vertreter der obersten Instanz für die Wahrung des Völkerrechts geladen worden. Um den Sitz des Strafgerichtshofs hatten sich die Nürnberger ebenfalls sehr bemüht, um aller Welt zu zeigen, wie sehr sich die fränkische Metropole nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewandelt hat.
"Es gibt keine andere Stadt in Deutschland, die ihre Nazi-Vergangenheit so intensiv aufgearbeitet hat", sagt Arno Hamburger. Hamburger hatte als Jude Deutschland 1939 gerade noch rechtzeitig verlassen können. Wenige Wochen, nachdem Nazi-Deutschland von den Alliierten besiegt worden war, kehrte er als britischer Soldat zurück. Als Beobachter und Dolmetscher verfolgte der heute 82-Jährige auch die Nürnberger Prozesse, bei denen die Gräuel des Nationalsozialismus für alle Welt offensichtlich wurden. Mehr zufällig war die alte Kaiserstadt dafür ausgewählt worden. Der dortige Justizpalast war trotz Bombenangriffen unbeschädigt geblieben und bot ausreichend Platz.
Bezugspunkte zum NS-Regime gab es jedoch reichlich, hatte Nürnberg doch für die NSDAP eine ähnliche Bedeutung wie München oder später Berlin. Schon 1927 fand der erste Parteitag der Nationalsozialisten in der Dürer-Stadt statt. Nach seiner Machtübernahme erklärte Adolf Hitler Nürnberg 1933 offiziell zum Ort der Reichsparteitage. Bis einschließlich 1938 versammelten sich hunderttausende Nazi-Anhänger jedes Jahr für eine Woche im September auf dem Zeppelinfeld und praktizierten mit monumentalen Inszenierungen den Führerkult. Auch die Judenverfolgung hatte in Nürnberg ihren Ausgangspunkt. Am 15. September 1935 wurden dort die so genannten Nürnberger Gesetze verabschiedet. Sie verboten Ehen zwischen Juden und Ariern als "Rassenschande" und schränkten die freie Berufswahl der Deutschen jüdischen Glaubens ein.
Dass es nach 1945 Jahre dauerte, bis sich die Mitmenschen seiner Stadt dieser Geschichte stellten, kann Hamburger trotz seines eigenen Schicksals als Jude gut nachvollziehen. Vollkommen ausgebombt sei Nürnberg am Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen. "Die Leute mussten nun mal um ihr Überleben kämpfen, das Hemd ist einem da näher als der Rock", sagt der spätere SPD-Stadtrat. Allerdings dauerte es bis in die 80er Jahre, bis auf ein allmähliches Umdenken Taten folgten. Dann ging es Schlag auf Schlag. Zunächst wurde ein erstes provisorisches Museum zu den Reichsparteitagen eröffnet, 1993 mitten in der Stadt die "Straße der Menschenrechte" als Mahnmal eingeweiht, 1995 der Internationale Preis der Menschenrechte gestiftet.
Seitdem vor vier Jahren zudem das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände eröffnet wurde, wächst die Zahl der an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Interessierten stark an. 750.000 Besucher strömten seit der Eröffnung in das Dokumentationszentrum, davon alleine 250.000 aus dem Ausland. Und selbst den Schwurgerichtssaal 600, in dem die Nürnberger Prozesse stattfanden, besuchten letztes Jahr 13.500 Touristen. Dabei ist der Saal, in dem immer noch verhandelt wird, nicht als Museum hergerichtet und nur samstags und sonntags jeweils am Nachmittag geöffnet. Bis zum Jahr 2008 soll aber nun auch dort für vier Millionen Euro ein Museum entstehen.
Außer einer Ausstellung im Dach des Justizpalasts zur Geschichte der Nürnberger Prozesse sollen Besucher von dort durch eine schalldichte Glasscheibe auch während laufender Prozesse in den Saal blicken können. Franz Sonnenberger, Direktor der Museen der Stadt Nürnberg, will dafür die alten Zuschauertribünen reaktivieren lassen, die schon 1945 im Dach für Beobachter aufgebaut waren. Besonders für die Gäste aus dem Ausland sei es sicher interessant, an diesem "Ort der Weltgeschichte" zu sehen, wie heute in Deutschland ein Prozess abläuft, glaubt Sonnenberger.
17. November 2005 - 13.40 Uhr
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Seiten in diesem Artikel: Seite 1: Fürs Völkerrecht ein Meilenstein, für viele Deutsche ein ÄrgernisSeite 2: Auf den Hauptprozess folgten zwölf weitere Nürnberger ProzesseSeite 3: Von den Reichsparteitagen zu den Nürnberger ProzessenSeite 4: US-Jazzlegende Brubeck eröffnet Nürnberger Gedenkwoche


