"Über mich hat er keine Macht gehabt"
AFP VOM 4.12.2002 | Nachrichten - Aktuelle Prozesse | 23122 Aufrufe Mehr zum Thema:Motassadeq
Er wirkt selbstbewusst, um keine Antwort verlegen, manchmal sogar schlagfertig: Ob der Angeklagte denn ein gutes Gedächtnis habe, will der Bundesanwalt wissen. "Prüfen Sie es doch!", antwortet der. "Fragen Sie mich einfach! Ich selbst weiß das nicht." Mounir El Motassadeq hat sich den Richtern zugewandt, gestikuliert mit dem Rücken zum Publikum. Der 28-jährige Sohn eines Mediziners aus Marakkesch und frühere Freund der Todespiloten um Mohammed Atta sitzt als weltweit erster mutmaßlicher Komplize der Attentäter vom 11. September in Hamburg auf der Anklagebank. Ein schmächtiger, aber lebhafter Mann mit hohlen Wangen und kantigem Gesicht unter dunklem Vollbart.
Das Hanseatische Oberlandesgericht soll in den nächsten Monaten klären, wer dieser intelligente junge Mann im grauen Hemd und dunkler Hose wirklich ist: Einer der "Statthalter" der Todespiloten in Hamburg, wie es die Bundesanwaltschaft behauptet? Oder ein naiver Helfer, der seinen besten Studienfreunden aus dem Zirkel um Mohammed Atta nichtsahnend einige Gefälligkeiten erwies? Nur in den ersten Minuten des Verfahrens ließ der Angeklagte zusammengesunken die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft über sich ergehen: Dass er Mitglied der Hamburger Terrorzelle gewesen sei, mitschuldig des Todes von 3045 Menschen in Washington und New York. Dass er von Hamburg aus bei der Planung der Flugzeug-Anschläge geholfen, den "Finanzierungstopf" der Terrorzelle in Hamburg verwaltet und die Abwesenheit der Komplizen in Hamburg verschleiert habe. Und dass er wusste, was die Freunde in den USA vorhatten.
Doch als er selbst gefragt ist, geht der junge Mann in die Offensive, wirkt nach wenigen Fragen des fünfköpfigen Gerichts so aufgeräumt, als hätte er in diesem Verfahren nicht wirklich viel zu befürchten. Motassadeq berichtet von seinem Verhältnis zu Atta, von Gesprächen mit dem toten Freund und von seiner Reise in Afghanistan. Er bestreitet weder seine engen Kontakte zu dem mutmaßlichen Anführer der Terrorzelle, noch seine Schulung in einem Militärcamp in Afghanistan. Doch in seinen Erzählungen haben viele Fakten eine andere Bedeutung: "Ich habe nie gesehen, dass er jemand befohlen hat, etwas zu machen", berichtet Motassadeq über Atta. "Über mich hat er keine Macht gehabt."
Auch über gewalttätige Aktionen hätten sie bei ihren häufigen Treffen im Harburger Freundeskreis nie geredet: "Mit Gewalt kann man nie etwas lösen." Und die Reise in ein Ausbildungslager von El Kaida in Afghanistan, die der Angeklagte bisher immer bestritten hatte? "Im Islam ist es erwünscht, dass man das Schießen, das Reiten und das Schwimmen lernt", erläutert der 28-Jährige. So habe auch er ein Schießtraining gemacht, mehr nicht.
"Afghanistan war das nächste Land, wo man sich militärisch ausbilden lassen konnte?" fragt Richter Albrecht Mentz ungläubig. "Wollen Sie das wirklich sagen? Schießen lernen kann man auch in einem Schützenverein." Es war nicht die einzige Behauptung des ehemaligen Elektrotechnikstudenten, die die Richter überraschte. Zunächst 37 Verhandlungstage im Prozess hat das Hanseatische Oberlandesgericht bis Ende Januar angesetzt: Zeit für viele Nachfragen der Richter, für neue Beweise der Ankläger und für Zeugenaussagen, mit denen die Behauptungen des Marokkaners noch ins Wanken geraten könnten.
22. Oktober 2002 - 17.19 Uhr
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Seiten in diesem Artikel: Seite 1: Verteidigung beantragt Einstellung von Motassadeq-ProzessSeite 2: US-Bürger als Nebenkläger im Motassadeq-Prozess zugelassenSeite 3: Hamburg: Bericht zu Überweisungen der TerrorzelleSeite 4: Zeuge in Motassadeq-Prozess: Atta war FanatikerSeite 5: Zeugen relativieren Aussage zu Gewaltbereitschaft MotassadeqsSeite 6: Todespiloten wollten angeblich nach TschetschenienSeite 7: El Motassadeq räumt Geschäfte für Attentäter vom 11. September einSeite 8: Über mich hat er keine Macht gehabtSeite 9: Motassadeq bestreitet Beteiligung an 11. SeptemberSeite 10: Prozess gegem mutmaßlichen Terroristen El Motassadeq begonnenSeite 11: Erhöhtes Polizeiaufgebot und schusssichere Plexiglaswand im GerichtSeite 12: Statthalter der Todespiloten oder ahnungsloser Helfer?Seite 13: Mounir El Motassadeq


