Das Original seit 2000:
Erste Hilfe in Rechtsfragen.
328256
zufriedene Nutzer
Sie sind hier:  www.123recht.net » Editorial » Leitartikel » 
Tschüss, Freiheit - 1/1
del vom 04.03.2003   |   10371 Aufrufe   |   Rubrik: Editorial - Leitartikel

Tschüss, Freiheit

Hallo, Angst

"Die Nöte des Menschen sind ohne Zahl. Und doch kann ihm nichts Schlimmeres zustoßen als der Verlust der Freiheit", wusste schon Ho Chi Min. Heute aber haben wir so viel Angst, uns könnten Terroristen und böse Achsen der Freiheit berauben, dass wir unsere Freiheit schon freiwillig beschneiden. Verbrannte Erde nennt man das: Wenn am Ende keine Freiheit mehr da ist, kann der Feind sie auch nicht plündern.
Viel ist faul, und das nicht nur im Staate Dänemark. Jules Vernes Romane sind irgendwann Realität geworden, aber auch der von George Orwell ist schon lange keine Fiktion mehr.

Hauptdarsteller des aktuellen Geschehens ist die Angst, wieder einmal. Denn die Macht der einen ist immer die Angst der anderen. Wenn die nackte Angst umgeht, ergreift man jeden noch so kleinen, vermeintlichen Strohhalm, von jedem dahergelaufenen Büttenredner. Uns wird ein untergehendes Boot suggeriert, und schnell werden Werte, Normen und allgemein anerkannte und langwierig entwickelte Grundsätze über Boot geworfen, um das Absaufen zu verhindern. Doch das Leck im Rumpf stopft man damit nicht. Die Angst macht Kasse, und der Rechtsstaat entwickelt sich zum Wolf im Schafspelz.




Ade, Freiheit! Die so genannten freien Länder bedienen sich seit dem 11. September Methoden, die man bislang nur von totalitären Staaten gewohnt war. Allerorten wird Freiheit eingeschränkt, um Freiheit zu erhalten. Bürger werden zu Objekten, die es zu überwachen gilt, gleichzeitig wird der Staat zur Insel, der sich gegen Fremdes abschottet. Der Kreis schließt sich: Wir ähneln immer mehr unseren Feinden. Nazikommunistische Methoden im Kampf gegen den Terrorismus. Rastern und fahnden, abhören und lauschen, verfolgen und hetzen, speichern und abgleichen, ausgrenzen und diskreditieren. Tschüss Bürgerrechte, tschüss Datenschutz, tschüss informationelle Selbstbestimmung. Mach´s gut, Gewaltenteilung. Ciao Freiheit, im Namen der Freiheit, für mehr Sicherheit. Gratuliere, da haben die Terroristen ja ganze Arbeit geleistet!

Zusätzlich, als wäre es nicht genug, wird jetzt in Deutschland über das Folterverbot diskutiert. Man zeigt öffentliches Verständnis für einen Polizisten, einen legitimierten Vertreter der Staatsgewalt, der einem Beschuldigten mit der Folter drohte. Hohe Politiker zeigten Sympathie mit dem Recht brechenden Ordnungshüter, selbst in Richterkreisen wurde fadenscheinig argumentiert. Jetzt ist es soweit: Artikel 1 des Grundgesetzes, die absolute Unantastbarkeit der Menschenwürde, größte Errungenschaft der deutschen Verfassung, wird von unseren gewählten Volksvertretern und von gestandenen Juristen missachtet.

Tschüss, Freiheit. Es war schön mit Dir. Zwar durfte man nicht alles machen, was man wollte, aber man musste nichts machen, was man nicht wollte. Denn genau das machte Dich aus. Jetzt kann man sich nicht einmal mehr ein Buch kaufen, ohne dabei beobachtet, ohne abgespeichert zu werden. Beinkleider werden zurzeit mittelweit getragen, Freiheit gar nicht, erkannte schon Tucholsky. Dieser Satz ist heute gültiger denn je.

Tschüss Freiheit! Hallo Angst! Ängstliche repräsentieren ein dankbares Publikum und tragen ihre Grundrechte gerne zu Grabe. Und so wird oft erwidert, von furchtsamen Teilen der Bevölkerung: "Sollen sie mich doch abhören, sollen sie ruhig mein ganzes Leben und Verhalten speichern, ich mache ja nichts Ungesetzliches! Sollen sie ruhig foltern, mir passiert das nicht." Soll man diese Naivität jetzt bemitleiden, oder bewundern? Bei den wenigsten Gefängnissen sieht man die Gitter. Am Ende aber ist sicher: Wer die Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren.


123recht.net ist Rechtspartner von:

328256
registrierte
Nutzer

durchschnittl. Bewertung

94178
beantwortete Fragen
27
Anwälte jetzt
online
Quickie! Ihre Meinung zählt.
Kritik an Wulff ebbt nicht ab - Soll er als Bundespräsident zurücktreten oder bleiben?

 Bleiben
 Zurücktreten
 Mir egal