"Statthalter" der Todespiloten oder ahnungsloser Helfer?
AFP VOM 4.12.2002 | Nachrichten - Aktuelle Prozesse | 23120 Aufrufe Mehr zum Thema:Motassadeq
- Weltweit erster Prozess um 11. September beginnt in Hamburg
Noch vor einem Jahr lebte er unbehelligt in Hamburg, nun blickt die Welt auf ihn: Als erster mutmaßlicher Komplize der Todespiloten vom 11. September muss sich der Marokkaner Mounir El Motassadeq ab Dienstag in Hamburg vor Gericht verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Mord in mindestens 3116 Fällen vor. Der 3. Strafsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts muss klären, welche Rolle El Motassadeq bei der Vorbereitung der Anschläge in Washington und New York gespielt hat. Das Mammutverfahren findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt.
Bundesanwalt Walter Hemberger und zwei weitere Staatsanwälte der Karlsruher Anklagebehörde werden die Vorwürfe gegen den früheren Elektrotechnik-Studenten vertreten, der wie Todespilot Mohammed Atta an der TU Hamburg-Harburg eingeschrieben war. 89 Seiten füllt die Anklageschrift, weitere 87 Leitz-Ordner mit Ermittlungsakten sollen die Vorwürfe untermauern. Nach Ansicht der Ermittler gehörte El Motassadeq nicht nur zur Hamburger Terrorzelle, sondern war ein "wesentliches Rädchen" in deren Getriebe, wissentlich und bis zuletzt eingebunden in die Vorbereitung der Anschläge. Die Bundesanwaltschaft charakterisiert seine Rolle als die eines "Statthalters": Er kümmerte sich danach mit weiteren Verdächtigen in Hamburg um die Finanzen und verschleierte die Abwesenheit der Komplizen, während die Todespiloten Mohammed Atta, Marwan Alshehhi und Ziad Jarrah in den USA die Attentate vorbereiteten.
Schnell war im vergangenen Herbst der Verdacht auf El Motassadeq gefallen. Doch bis Ende November 2001 blieb der Student ein freier Mann. Denn die Ermittler wussten zwar, dass er enge Kontakte zum Netzwerk der Hamburger Terrorzelle pflegte - aber die Beweise für seine Mitschuld waren zunächst offenbar zu dünn. Nach und nach wurde bekannt, dass der Marokkaner über eine Vollmacht für das Konto und die EC-Karte Alshehhis verfügte und das Testament Attas unterzeichnet hatte.
Inzwischen sind die Ermittler überzeugt, belegen zu können, dass El Motassadeq die Terror-Ziele der Hamburger Zelle kannte, dass er von Ende Mai bis Anfang August 2000 in einem Trainingscamp von El Kaida in Afghanistan geschult wurde und dass dort mit Anführern des Terrornetzwerks "Einzelheiten der Anschläge und deren logistische Unterstützung" abgestimmt wurden. Das von El Motassadeq verwaltete Konto sei überdies der "Finanzierungstopf" gewesen, "aus dem die Kosten der terroristischen Aktivitäten der Vereinigung bestritten wurden".
Doch El Motassadeq hat seine Mitwisserschaft stets verneint und will dies vor Gericht erneut tun, wie seine Verteidiger Hartmut Jacobi und Hans Leistritz ankündigen. "Er bestreitet, dass er von den Attentatsplänen wusste", sagt Jacobi. Nach Ansicht des Juristen hat die Anklage bisher keine "greifbaren Beweise" dafür vorgelegt. Vielmehr stützten sich die Terrorismus-Vorwürfe nur auf die Kontakte und die islamistische Gesinnung des Angeklagten. Der Marokkaner also nur ein ahnungsloser Helfer, der den Terrorpiloten ein paar Freundschaftsdienste erwies? "Er wird sich zu der gesamten Anklage äußern, indem er umfangreich erklärt, was er erlebt hat", sagte Leistritz. "Wir denken, dass diese Beweise nicht ausreichend sind, um ihn zu verurteilen."
Das Gericht hat nach Angaben einer Sprecherin zunächst 20 von 161 in der Anklage genannten Zeugen geladen, um sich ein eigenes Bild von der Beweislage zu machen. Nicht ausgeschlossen ist, dass auch der kürzlich in Pakistan gefasste mutmaßliche Komplize Ramzi Binalshibh als Zeuge auftreten könnte. Nach Informationen der Verteidigung hat das Gericht die US-Behörden darum ersucht.
Bis Ende Januar sind zunächst 37 Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil könnte zum internationalen Präzedenzfall werden: In den USA soll der Prozess gegen den Franzosen Zacarias Moussaoui, den mutmaßlichen verhinderten 20. Attentäter, erst Ende Juni 2003 beginnen. Auch Binalshibh soll vor ein US-Gericht kommen; und dem kürzlich in Hamburg verhafteten Abdelghani M. droht ebenfalls ein Prozess. Termine stehen aber noch nicht fest.
18. Oktober 2002 - 13.27 Uhr
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