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Spießrutenlauf für Peter Hartz - 1/1
AFP vom 15.01.2007   |   2038 Aufrufe   |   Rubrik: Nachrichten - Vor Gericht

Spießrutenlauf für Peter Hartz

Prozess gegen ehemaligen VW-Personalvorstand beginnt

Peter Hartz hat schon mehrfach Geschichte geschrieben: Die 28-Stunden-Woche bei Volkswagen Anfang der 90er Jahre trug seine Handschrift, die Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Koalition wurden sogar nach ihm benannt. Nun muss sich der 65-Jährige ab Mittwoch vor Gericht verantworten, weil er den Chef des Betriebsrates beim Volkswagenkonzern, Klaus Volkert, regelrecht gekauft haben soll. Auf Begünstigung eines Betriebsrates in 23 Fällen und Untreue in 44 Fällen lautet die Anklage.

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So peinlich der Prozess vor der Sechsten Großen Strafkammer am Landgericht Braunschweig für den früheren VW-Personalvorstand auch sein wird, eine persönliche Erniedrigung hat ihm die Staatsanwaltschaft Braunschweig erspart: Die durchaus mögliche weitergehende Anklage wegen diverser Bordellbesuche und der Anmietung einer Wohnung für ungestörte Stunden hat die Justiz fallen lassen, weil die Schadenshöhe gering war im Vergleich zu den 2,6 Millionen Euro, mit denen Hartz Volkerts Wohlwollen erkaufte. Im Gegenzug, so die Absprache, hat Hartz ein weitgehendes Geständnis abgelegt und wird dies auch im Prozess wiederholen. Eben deshalb verzichtete das Gericht auf die Ladung von Zeugen und beraumte auch nur zwei Verhandlungstermine an.

Es wird also kurzer Prozess gemacht. Aber dennoch bleibt die Verhandlung ein Spießrutenlauf für Hartz, der in der Vergangenheit die eigenen Auftritte regelrecht inszenierte. Im Gerichtssaal können ihn keine Bodyguards abschirmen, mit denen er sich früher umgab. Und anders als bei eigenen Pressekonferenzen oder großen Auftritten an der Seite seines Duzfreundes Gerhard Schröder führt dieses Mal nicht Hartz selbst Regie, sondern die Strafprozessordnung.

Es ist das unrühmliche Ende einer beispiellosen Karriere. Der 1941 geborene Sohn eines Hüttenarbeiters im Saarland macht die mittlere Reife, lernt Industriekaufmann, macht auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur, studiert Betriebswirtschaft. Bereits 1976 wird er Arbeitsdirektor in der Stahlindustrie im Saarland; 1993 holt ihn der neue VW-Vorstandschef Ferdinand Piëch als Personalvorstand nach Wolfsburg. Hartz führt, um 30.000 Arbeitsplätze zu retten, die Vier-Tage-Woche mit nur noch 28,8-Stunden Wochenarbeitszeit ein. Als Berater des Kanzlers macht er Furore und genießt das Scheinwerferlicht. Seine Hartz-Reformen, so 2002 das vollmundige Versprechen, würden die Arbeitslosigkeit halbieren.




Stattdessen im Sommer 2005 der Rücktritt, als immer neue Details ans Licht kommen darüber, wie intensiv sich Hartz-Adlatus Klaus-Joachim Gebauer im Auftrag seines Chefs um das Wohlergehen führender Betriebsräte kümmerte - Luxusreisen und Bordellbesuche inklusive. Mehr als ein Jahr später erfolgte dann das umfassende Geständnis bei der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, wohl in der Hoffnung, dass das Gericht es deshalb bei einer Bewährungsstrafe bewenden lässt. Spannend könnte das Verfahren aber dennoch werden: Das Gericht wird die Frage zu klären haben, ob Hartz tatsächlich allein auf eigene Rechnung handelte, oder ob er sich vielleicht doch Rückendeckung beim damaligen Vorstandsvorsitzenden Piëch geholt hat.

Es ging nicht um Peanuts: Hartz hat Volkert laut Staatsanwaltschaft binnen zehn Jahren fast zwei Millionen Euro Sonderboni gezahlt und dessen brasilianischer Freundin 400.000 Euro ohne echte Gegenleistung zukommen lassen. Weitere 218.000 Euro koste es den von Hartz laut Anklage ausdrücklich beauftragten Gebauer, Volkert "großzügig und wertschätzend" zu behandeln und dabei "nicht kleinlich zu sein". Laut Anklage wurde das Geld "allein im Hinblick auf Volkerts Position als mächtigster Betriebsrat" gezahlt.

Hartz selbst hat seine Art, die Betriebsräte in die Unternehmensleitung einzubinden, gerne als "Co-Management" charakterisiert. Im Falle Volkert ist daraus nicht nur eine typische Männerfreundschaft geworden, sondern mittlerweile eine regelrechte Schicksalsgemeinschaft. Die nächste Anklage will die Staatsanwaltschaft gegen Volkert erheben. Spätestens dann wird Hartz wohl wieder in den Gerichtssaal nach Braunschweig kommen müssen - als Zeuge gegen den Freund.

VOLKSWAGEN

15. Januar 2007 - 12.30 Uhr

© AFP Agence France-Presse GmbH 2007



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