Skyguide-Mitarbeiter wegen Unglücks von Überlingen verurteilt
AFP VOM 4.9.2007 | Nachrichten - Nachrichten | 3341 Aufrufe Mehr zum Thema:Flugzeug, Absturz, Skyguide
Schweizer Gericht verhängt Bewährungsstrafen
Fünf Jahre nach dem Flugzeugunglück von Überlingen hat ein Schweizer Gericht vier leitende Angestellte der Flugüberwachung Skyguide wegen ihrer Mitverantwortung verurteilt. Drei von ihnen erhielten am Dienstag nach Angaben der Nachrichtenagentur SDA eine zwölfmonatige Haftstrafe auf Bewährung. Der vierte wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Bei dem Unglück waren im Juli 2002 ein russisches Passagierflugzeug und eine deutsche Frachtmaschine der DHL über Überlingen am Bodensee zusammengeprallt. 71 Menschen kamen ums Leben, darunter 52 Kinder aus der russischen Teilrepublik Baschkirien. Skyguide gestand seine Verantwortung ein.
Insgesamt mussten sich vor dem Gericht in Bülach acht Skyguide-Mitarbeiter verantworten, vier wurden freigesprochen. Den Verurteilten warf das Gericht Vernachlässigung ihrer Pflichten vor. Der Vorsitzende Richter kritisierte vor allem die Tatsache, dass zum Zeitpunkt des Unfalls nur ein Lotse den Luftraum im Süden Deutschlands und im Osten der Schweiz überwachte. "Bei Anwesenheit von zwei Fluglotsen hätte das Unglück wohl verhindert werden können", sagte er bei der Urteilsverkündung. Die Passagiere der verunglückten russischen Maschine befanden sich auf dem Weg in den Spanienurlaub.
Die Staatsanwaltschaft hatte für alle acht Angeklagten Bewährungsstrafen zwischen sechs und 15 Monaten gefordert. In seinem Abschlussplädoyer beschuldigte Staatsanwalt Bernhard Hecht sie der fahrlässigen Tötung. Die Verteidigung forderte dagegen Freisprüche. Für sie lag die Schuld an dem Unglück allein bei dem damals diensthabenden Lotsen. Er war allein im Tower, weil sein Kollege gerade Pause machte. Zwei Jahre nach dem Absturz wurde der 36-jährige Däne von einem russischen Familienvater umgebracht, der bei dem Unglück seine Frau und zwei Kinder verloren hatte.
Während des Prozesses stellte sich heraus, dass der Lotse innerhalb von einer Viertelstunde 15 Flüge koordinieren musste und in der Zeit 118 Funksprüche absetzte. Außerdem waren ein Radarsystem zur Warnung vor Zusammenstößen in Zürich und eine wichtige Telefonverbindugn außer Betrieb.
Skyguide-Chef Franz Schubert sagte nach der Urteilsverkündung, das Unternehmen habe alles getan, um sicherzustellen, dass ein solcher Unfall nicht noch einmal passieren könne. Die Flugüberwachungsfirma hatte bereits 2004 Fehler eingestanden und die Verantwortung für den Zusammenstoß übernommen.
Nach Erkenntnissen der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) wurde der Unfall durch Fehler der Skyguide-Lotsen und der russischen Piloten sowie durch technische Probleme verursacht. Auch Deutschland trifft eine Mitverantwortung an der Katastrophe: Im vergangenen Jahr entschied ein Gericht in Konstanz, dass die Bundesregierung die baschkirische Fluggesellschaft entschädigen muss, weil sie Skyguide beauftragt hatte, den deutschen Luftraum zu überwachen.
4. September 2007 - 19.07 Uhr
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