Primark ist nicht das eigentliche Problem

Mehr zum Thema:

Meinung Rubrik, Primark, Marke, Textilindustrie, Sweatshops, Bangladesh, Niedriglohnländer, Sabhar

4,61 von 5 Sterne
Bewerten mit: 5 Sterne 4 Sterne 3 Sterne 2 Sterne 1 Stern
28

Wer seine Kleidung nicht selbst näht und die Stoffe nicht aus der Region bezieht, sollte Primark-Kunden in Ruhe lassen

Über die Billigkette Primark wird viel geredet in diesen Tagen. Viel geschimpft und viel mit dem erhobenen Zeigefinger argumentiert. Warum? Hilferufe von Näherinnen sollen in den Klamotten von Primark gefunden worden sein, Hilferufe, die über unmenschliche Zuständen bei der Produktion berichten. Es häufen sich die Artikel, die Primark verteufeln und zum Boykott aufrufen. "Primark macht hässlich".

Zugegeben, ich staune auch täglich, wenn die Massen durch die Fußgängerzone pilgern, in jeder Hand drei Primark Einkaufstüten Größe XXXL, mit T-Shirts für 3 Euro und Jeans für 9. Das Problem ist aber nicht Primark. Das Problem sind auch nicht die ganzen anderen Kleidungshersteller, egal ob Marke oder billig billig, denn alle haben gemein, dass Sie in Asien in Sweatshops zu Niedriglöhnen und miesen Bedingungen produzieren. Viele, die jetzt gegen Primark wettern, tragen Kleidung von Abercrombie & Fitch, Nike, Calvin Klein, Dolce & Gabbana, Quiksilver, Adidas etc. und glauben, dass "ihre" teureren Marken anders produzieren als Billigketten.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Anders hieße: Nicht in Niedriglohnländern, von Erwachsenen, unter fairen Bedingungen, gesundheits- und umweltschonend, sozial abgesichert. Das ist, leider, genauso falsch wie naiv. "Das meiste, was wir tragen, wird in Schwellenländern produziert - unter fragwürdigen Bedingungen." "Made in Italy" heißt heute übersetzt: "Made in Sweatshops".

Primark unterscheidet von anderen Firmen einzig, dass Sie die Wegwerfgesellschaft und den Konsum noch konsequenter bedienen als der Rest. Wenn Sie glaubten, IKEA verführe seine Besucher ziemlich geschickt zum Kauf von Sachen, die man weder wollte, noch brauchte, dann waren Sie noch nicht in einer Primark Filiale. Auch die Macher von H&M sind regelrechte Amateure gegen die Billigproduzenten aus Irland, die eins perfektioniert haben: Masse en mass billigst verkaufen.

Teure globale Marken produzieren aber genauso, unter denselben Bedingungen, in denselben Schwellenländern, nur vielleicht in nicht ganz so großer Skalierung. Und teurer heißt dann auch nicht gleichzeitig, dass die Klamotten länger halten oder die Produktion menschenfreundlicher abläuft. Teure Marke und mindere Qualität, das schließt sich heute bei Anziehsachen nicht mehr aus. Dafür geht eben mehr Geld ins Marketing, damit der Konsument glaubt, die Marke würde sein Leben ach so sehr bereichern. „Just do it“. Adidas geht „all in“, Rip Curl sucht mit "The Search" die beste Welle, Hollister will die Marke der Schönen sein - aber die Näherinnen sehen von dem Verkaufspreis genauso wenig wie die Näherinnen von C&A. Das Geld dafür drauf, die Marke juristisch "zu verteidigen".

In dem achtstöckigen Gebäude, das 2013 in Bangladesh eingestürzt ist und bei dem 1127 Menschen getötet und 2438 verletzt wurden, haben 18 westliche Modefirmen produziert. Billige und teure.

Die meisten westlichen Kleidungsfirmen drücken sich in Bangladesh übrigens immer noch vor den Entschädigungszahlungen und argumentieren, sie wären