Peers Finger: Haben wir sonst keine Probleme?

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Meinung Rubrik, Peerfinger, Steinbrück, Stinkefinger, Doppelmoral, Wahlkampf

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Die größte Errungenschaft der Menscheit? An ihrer Doppelmoral nicht zu zerplatzen.

Was geht es uns doch gut. Wir haben Vollbeschäftigung, jeder Bürger muss maximal einen halben Tag arbeiten und kann davon eine Familie mit zwei Kindern ernähren. Unternehmen streben nicht nur nach größtmöglichem Profit, sondern nehmen den Grundsatz "Eigentum verpflichtet" wörtlich. Es gibt keine Steuerflucht, keine Ausnutzung von Schlupfwinkeln. Kein Subventionenhopping.

Fußballer dürfen schwul sein. Der Gegenüber wird tatsächlich gehört und seine Meinung zugelassen. Mitgefühl und Menschlichkeit haben Einzug gefunden in Chefetagen. Wir haben eine nachhaltige Umwelt- und Energiepolitik. Wir sind uns im Klaren, dass wir auf einer Erde leben, die wir für unsere Kindern - weltweit - möglichst schonen und erhalten müssen. Wir handeln dementsprechend.

Wenn ausländische Geheimdienste Grundrechte unserer Bürger massiv verletzen und den totalen Überwachungsstaat leben, dann machen wir da nicht mit. Wir sagen klar unsere Meinung und beschützen unsere Bürger vor illegalen Eingriffen anderer Staaten und Organisationen. Wir beschönigen nicht und erklären nichts für beendet.

Zum Glück ist das so. Und da wir in so einer schönen Welt leben, können wir es uns leisten, mit Nichtigkeiten Schagzeilen zu machen. Mit dem Stinkefinger eines Kanzlerkandidaten zum Beispiel. Wer sich darüber aufregt, dass ein Kanzlerkandidat in einem humorvollen Bilderinterview auf eine Frage mit einem humorvollen Stinkefinger reagiert, lebt in dieser schönen Welt, in der es sonst keine Probleme gibt.

Was geht es uns gut. Inhalte? Interessiert doch nicht. Unsere Schlagzeilen werden beherrscht von Teppichen im Handgepäck, Silvie van der Vaart, Merkelrauten und Stinkefingern. Wir diskutieren mehr darüber, was ein Politiker von Afghanistan mit nach Hause nehmen darf, als über die Notwendigkeit eines Krieges, in dem Menschen sterben.

Es ist eine unglaubliche Leistung der Menschheit, angesichts ihrer Bigotterie, Doppelmoral und Schizophrenie nicht jeden Moment zu platzen. Der Wahlkampf 2013 zeigt eins: Egal, wie es ausgeht, es geht auf jeden Fall weiter wie bisher.

Leserkommentare
von geprellt95 am 13.09.2013 16:06:08# 1
Wir haben keine Vollbeschäftigung (sondern 8 Mio. Bürger in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen, die sich davon kaum über Wasser halten können und circa 4 Mio. die in 450-Euro-Jobs beschäftigt sind, die kaum einen Rentenanspruch erwerben), ich kenne keinen einzigen Bürger der maximal einen halben Tag arbeitet und davon eine Familie mit zwei Kindern ernähren kann. Die meisten Unternehmen streben nach größtmöglichem Profit und beachten den Grundsatz "Eigentum verpflichtet" überhaupt nicht. Es gibt Steuerflucht, Ausnutzung von Schlupfwinkeln. Und natürlich Subventionenhopping.

Fußballer dürfen zwar schwul sein. Das Gegenüber wird im Alltag nicht gehört und seine Meinung interessiert meistens nicht - alternativlos. Mitgefühl und Menschlichkeit sind verschwunden in Chefetagen. Wir haben keine nachhaltige Umwelt- und Energiepolitik. Wir sind uns nicht im Klaren, dass wir auf einer Erde leben, die wir für unsere Kinder - weltweit - möglichst schonen und erhalten müssen (siehe Global Marshall Plan). Die meisten Bürger denken nicht daran dementsprechend zu handeln.

Wenn ausländische Geheimdienste Grundrechte unserer Bürger massiv verletzen und den totalen Überwachungsstaat leben, dann machen wir da fleißig mit - anstatt das anzuprangern. Wir sagen höchstens mal unsere Meinung und beschützen unsere Bürger nicht vor illegalen Eingriffen anderer Staaten und Organisationen. Wir sitzen Konflikte aus und erklären nichts für beendet (jeder hat selbst mit seinen Problemen fertig zu werden - davon-geht-die-Welt nicht-unter-Mentalität, Verdrängung höchster Güte).

So ist der Alltag für Millionen von Mitbürgern. Und da wir in keiner schönen Welt leben, trösten wir uns mit Nichtigkeiten, die Schagzeilen machen. Mit dem Stinkefinger eines Kanzlerkandidaten zum Beispiel. Wer sich nicht darüber aufregt, dass ein Kanzlerkandidat in einem humorvollen Bilderinterview auf eine Frage mit einem humorvollen Stinkefinger reagiert, dessen moralische Werte sind verfallen wie eine alte Burgruine.

Wir können uns einbilden unsere Welt sei in Ordnung, so lange wir diese Fassade aufrecht erhalten können. Inhalte? Interessiert doch nicht. Schlagzeilen werden beherrscht von Teppichen im Handgepäck, Silvie van der Vaart, Merkelrauten und Stinkefingern. Wir diskutieren mehr darüber, was ein Politiker von Afghanistan mit nach Hause nehmen darf, als über die Notwendigkeit eines Krieges, in dem Menschen sterben. So weit auseinander liegen die Interessen der Einzelnen im Staate.

Es ist eine unglaubliche Leistung der Menschheit, angesichts ihrer Bigotterie, Doppelmoral und Schizophrenie sich keine Psychopharmaka einzuwerfen oder sich einfach vom nächsthöchsten Haus zu stürzen.
Der Wahlkampf 2013 zeigt eins: Egal, wie es ausgeht, es geht auf jeden Fall weiter wie bisher.
Jeden Tag geht die Sonne für die dümmsten Esel auf.
    
von CONDOR_X am 20.09.2013 13:02:06# 2
Wenn ich mir den derzeitigen Marathon der Verlogenheit, der peinlichen Anbiederei und Heuchelei der Politiker ansehe, dann möchte selbst ich Merkel & Co. liebend gerne an der Wahlurne den Steinbrück''schen Fuck-Finger zeigen.
Und was im Alltagsleben ohnehin schon eher zur Normalität einer unmissverständlichen Meinungsbekundung geworden ist, dann finde ich, Steinbrück hat nichts falsch gemacht, besonders nicht in dem stattgefundenen Zusammenhang. Ich sehe seine Fingerfertigkeit also eher sehr neutral und mit Akzeptanz.
Wer sonst nix hat, worüber er sich aufregen kann, na ja ...
    
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