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Meinung Rubrik, Organtransplantation, Organhandel, Organspende, Gehirntod, Göttingen

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Organtransplantation ist eine Grauzone. Medizinisch, juristisch und ethisch. Und in Grauzonen betrügt es sich besonders gut.

Der Rechthaber

Der Organspende-Skandal am Klinikum in Göttingen findet ein berechtigtes Medieninteresse, und das hat nichts mit Sommerloch zu tun. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Ärzte der Universitätsklinik sogar wegen Tötungsdelikten. Denn: Wenn ein Patient sich eine Bevorzugung bei Organspenden erkauft hat, dann haben andere Patienten, die an der Reihe gewesen wären, möglicherweise keine Organe bekommen und sind deswegen gestorben.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Hinweise auf eine Geldannahme und eine persönliche Bereicherung durch den betroffenen Arzt gibt es bislang allerdings nicht. Aber: Laut Hans Lilie, dem Vorsitzenden der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, könnten die leistungsorientierten Verträge des Arztes "falsche Anreize" gesetzt haben.

Falsche Anreize. Das klingt irgendwie putzig.

Die Bestürzung über Ärzte, die Krankenakten manipulieren, um bestimmten Patienten zu einer Bevorzugung bei Organspenden zu verhelfen, ist erwartungsgemäß groß. Doch mal ehrlich: Ist das wirklich so überraschend? Erschüttert es uns wirklich, dass auch Ärzte manipulieren? Insbesondere bei einem Thema wie der Organspende?

Sind Ärzte nicht auch nur Menschen?

Für Herrn Lilie anscheinend nicht, denn er fiel nach Bekanntwerden des Skandals aus allen Wolken. Der Verdacht gegen den Göttinger Arzt hat sich jetzt auf 25 Fälle ausgeweitet, in denen Krankendaten manipuliert worden sein sollen. Lilie nennt das "bislang einmalige Vorgänge". In Deutschland habe er "niemals mit so etwas gerechnet".

Das, Herr Lilie, ist mehr als nur naiv.

Die Organspende hat viele Grauzonen und wirft viele Fragen auf. Wie läuft die Zuteilung überhaupt ab, wer wird warum bevorzugt behandelt und wer entscheidet darüber? Sind die Regeln der Zuteilung gerecht?

Wann ist ein Spender tatsächlich tot? Es gibt berechtigte Zweifel, dass die fehlende Gehirnaktivität - der Gehirntod - nicht der endgültige Todeszustand eines Menschen ist.

Nein, eigentlich sind es mehr als berechtigte Zweifel. Alles spricht dafür, dass Gehirntote noch leben. Eine Schwangerschaft geht weiter, Atmung auf Zellebene findet weiter statt, Herz-Kreislauffunktion sind noch im Gang. Für hirntot erklärte Patienten bekommen zur Organentnahme noch eine Narkose, da es noch zu gezielten Abwehrbewegungen des Spenders kommen kann.

In vielen Ländern wird eine Vollnarkose bei Organentnahmen nach dem Gehirntod vorgeschrieben. Gehirntote Spender werden auf dem OP-Tisch angeschnallt. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation schreibt vor, dass der Organspender relaxiert und ein Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg durch Medikamente behandelt wird.

Noch Fragen?

Wenn es eilig ist - wie lange wartet man, bis man einen verfügbaren Spender für tot erklärt?

Wieso ist die Abstoßrate von Organen nach einer Transplantation immer noch so hoch, wo sind die Ursachen für Erfolg und Misserfolg? Wer hat größere Chancen, wer geringere? Ist das immer so?

Das sind nur einige der Fragen, die sich medizinisch, rechtlich und ethisch stellen. Und es gibt noch weit mehr. Organspende ist eine Grauzone. Und in Grauzonen ist die Hemmschwelle zu Mauscheleien besonders niedrig. Warum sollte der Fall in Göttingen ein Einzelfall sein? Weil wir in Deutschland leben, wo Ärzte Halbgötter sind?

Ärzte dürfen in Deutschland legal Gelder von Pharmaunternehmen annehmen, um bestimmte Medikamente zu verschreiben. Ein Gesetz gibt es dagegen nicht. Ethisch abgrundtief falsch, doch es passiert ständig. Abrechnungsbetrug, erfundene Studien, Billig-Implantate, Doping - nur ein kleiner Ausschnitt von Medizin-Skandalen allein in den letzten Jahren.

Was passiert wohl im Zusammenhang mit Organspenden noch alles?

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