Neun Jahre Haft für Ex-Terrorist Klein wegen OPEC-Überfalls
AFP VOM 15.2.2001 | Nachrichten - Neue Urteile | 5373 Aufrufe Mehr zum Thema:Klein, Fischer
- Gericht wendet bei früherem RZ-Mitglied Kronzeugenregelung an
Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Überfall auf die Wiener OPEC-Konferenz hat das Landgericht Frankfurt am Main am Donnerstag den Ex-Terroristen Hans-Joachim Klein zu neun Jahren Haft verurteilt. Nach viermonatiger Verhandlung befand die Frankfurter Strafkammer Klein des dreifachen Mordes, Mordversuchs und der Geiselnahme als Mittäter für schuldig. Bei dem Überfall im Dezember 1975 waren ein Wiener Polizist sowie zwei Angehörige der irakischen und libyschen Delegation erschossen worden. Der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke begründete das vergleichsweise milde Urteil mit der Anwendung der Kronzeugenregelung. Klein habe sich "glaubwürdig vom Terror gelöst", Reue gezeigt und in der Folgezeit zur Verhinderung weiterer Terror-Akte beigetragen. Kleins Mitangeklagter, der 58-jährige Rudolf Schindler, wurde vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen.
Das Gericht blieb mit seinem Urteil deutlich unter der Forderung der Anklage, die auf 14 Jahre Haft plädiert hatte. Gehrke wertete es mit Blick auf die Kronzeugenregelung als strafmildernd, dass Klein nach seinem Ausstieg aus der Terror-Szene vor einem weiteren geplanten Terroranschlag gewarnt habe; auch sein 1979 veröffentlichtes Buch "Rückkehr in die Menschlichkeit" sei als Zeichen von Reue zu werten. Zudem habe Klein die aus Libyen stammenden Hintermänner des OPEC-Attentats und die palästinensischen Täter preis gegeben.
Zugleich nannte der Vorsitzende Richter die Tat des Terroristenkommandos ein "politisch motiviertes Verbrechen", an dem Klein sich beteiligt habe. Mit Klein und der mittlerweile verstorbenen Gabriele Kröcher-Tiedemann hätten zwei Deutsche dem sechsköpfigen Terroristenkommando von Wien angehört. Klein war bei dem Überfall durch einen Bauchschuss lebensgefährlich verletzt worden. Nach dem Überfall war der Schwerverletzte mit der Terrorgruppe, die von dem venezolanischen Terroristen Illich Ramirez Sanchez alias "Carlos" angeführt wurde, und rund 30 Geiseln mit einer erpressten Maschine nach Algier geflogen. Die Geiseln wurden gegen ein Lösegeld freigelassen. Klein tauchte anschließend unter und sagte sich 1977 in einem Brief an den "Spiegel" vom Terrorismus los. Im September 1998 wurde er in einem Dorf in Nordfrankreich festgenommen.
Gehrke betonte, Klein habe in den zurückliegenden 25 Verhandlungstagen nicht nachgewiesen werden können, dass er einen der drei Morde selbst begangen habe. Dies hatte der in Frankreich inhaftierte "Carlos" bei seiner Vernehmung durch das Gericht ausgesagt. Der Vorsitzende Richter beschrieb Klein, der vor seinem Abgleiten in den Terrorismus Anfang der siebziger Jahre in der Frankfurter Sponti-Szene um den jetzigen Bundesaußenminister Joschka Fischer und den heutigen Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit (beide Grüne) aktiv war, als "einfachen Jungen aus dem Arbeitermilieu".
Mitte der siebziger Jahre habe Klein sich den "Revolutionären Zellen" in Frankreich angeschlossen und auf einer Reise nach Paris "Carlos" kennengelernt. Der berüchtigte Terrorist habe eine "absolute Faszination" auf Klein ausgeübt. Nach den von dem Terrorkommando verübten Morden im Wiener OPEC-Gebäude habe sich Klein jedoch "nach und nach" vom Terrorismus gelöst.
Das im Oktober eröffnete Verfahren gegen Klein hatte für bundesweites Aufsehen gesorgt, weil auch Außenminister Fischer als Zeuge auftreten musste. Gehrke betonte am letzten Prozesstag erneut, das Verfahren sei kein "historisches Seminar" gewesen. Allerdings habe es sich in dem Prozess als "unvermeidbar" erwiesen, auf die "zeitgeschichtlichen Verhältnisse der siebziger Jahre einzugehen".
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