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Mammutprozess zu Kindesmissbrauch in Portugal

AFP VOM 3.9.2010 | Nachrichten - Nachrichten | 1773 Aufrufe
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Missbrauch, Kinder, Portugal

Sieben Angeklagte aus Politik und Medien

Nach fast sechs Jahren hat im portugiesischen Mammutverfahren um Kindesmissbrauch die vermutlich letzte Sitzung begonnen. Am insgesamt 462. Prozesstag soll das Urteil gegen sieben Angeklagte aus Politik und Medien fallen, ihnen wird der Missbrauch von 32 Minderjährigen aus dem staatlichen Kinderheim Casa Pia vorgeworfen. Die Sitzung begann mit mehr als einstündiger Verspätung, die Urteilsverlesung dürfte Stunden dauern.

Zur Urteilsverkündung erschienen alle sieben Angeklagten sowie sechs der 32 mutmaßlichen Missbrauchsopfer, die als Nebenkläger aufgetreten waren. Die Angeklagten befinden sich derzeit alle auf freiem Fuß, weil die gesetzlichen Fristen für die Untersuchungshaft längst überschritten sind. Mit Ausnahme des ehemaligen Gärtners und Fahrers der Casa Pia beteuern alle Angeklagten ihre Unschuld. Die Staatsanwaltschaft fordert mindestens fünf Jahre Haft ohne Bewährung. Beobachter rechnen im Fall eines Schuldspruchs, dass die Angeklagten in Berufung gehen und den Prozess neu aufrollen lassen.

"Ich hoffe, dass dem Land an diesem Tag gezeigt wird, dass die Jungen von Anfang an die Wahrheit gesagt haben", sagte vor Prozessbeginn Pedro Namora, ein früherer Bewohner der Casa Pia, der selbst Opfer von Missbrauch geworden war. Der Fall war 2002 mit der ersten Anzeige eines Jungen aus dem Heim publik geworden, woraufhin sich dutzende Heimbewohner oder Ehemalige meldeten. Demnach war die 200 Jahre alte Einrichtung für bedürftige Kinder und Jugendliche jahrzehntelang der Schauplatz sexuellen Missbrauchs. Erste Vorwürfe sollen bereits in den 1980er Jahren bekannt geworden sein, blieben jedoch ohne Konsequenzen.

Angeklagt sind neben dem Gärtner ein ehemaliger Fernsehmoderator, ein früherer Botschafter, ein Anwalt, ein Arzt und die Besitzerin eines Hauses im Südosten von Portugal, wo nach Aussagen der Opfer regelmäßig Missbrauchsorgien mit hilflosen Kindern stattfanden. Ihnen wird sexueller Missbrauch und Anstiftung zur Prostitution in insgesamt 826 Fällen vorgeworfen. Ihre Opfer waren allesamt Heimbewohner der Casa Pia.

Nach Ansicht vieler Beobachter legte der Prozess die Schwächen des portugiesischen Rechtssystems offen. Bereits im März 2006 verurteilte ein Spezial-Schiedsgericht den portugiesischen Staat wegen Vernachlässigung seiner Aufsichtspflicht zur Entschädigungszahlung von zwei Millionen Euro an 44 frühere Heimbewohner. In weiteren Missbrauchs-Verfahren wurden zudem mehr als ein Dutzend Menschen verurteilt, in erster Linie Lehrer und Erzieher der Casa Pia.

3. September 2010 - 15.06 Uhr

© AFP Agence France-Presse GmbH 2010


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