Lastminute zu den Göttern: Reiserecht oder Liebe?

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Rechtsanwältin zwei Wochen pauschal auf Kreta

Lastminute zu den Göttern: Reiserecht oder Liebe?

Von Rechtsanwältin Regina Kohn

Vor der Reise

Ich wollte mal zwei Wochen hier raus. Keine Mandanten und vor allem keine Männer mehr sehen. Nur ausruhen und am Strand. Ohne Laptop und Internet! Da ich als Einzelanwältin unter fast 140.000 Berufskollegen immer am Rande des Existenzminimums lebe, konnte ich max. 700 Euro für den Urlaub (einschließlich Verpflegung) ausgeben. Am 19. Juni wollte ich los und am 3. Juli zurück. Am 6. Juni habe ich im Internet meinen allerersten Lastminute-Urlaub gebucht. Hin und weg mit „HolidayCheck“. Kreta, Hotel „Athenes Beach“, bei Rethymnon. Kostenpunkt: 664,00 Euro mit Halbpension plus 39,00 Euro für die obligatorische Reiseversicherung im „Rundum-Sorglos-Paket“.
Reiseveranstalter war „Thomas Cook“.

Die Türkei hätte ich günstiger haben können und sogar „All inclusive“. Dorthin allein zu verreisen hatten mir aber meine beiden besten Freundinnen verboten. „Du bist noch nicht so alt, dass Du da nicht ständig von Männern angegraben wirst. Die Griechen sind anders. Da kannst Du als Frau ruhig hin“.

Okay. Da Männer mich sowieso nicht mehr interessierten, ich die Insel noch nicht kannte und das Hotel nach der Beschreibung des Reiseveranstalters im Internet genau das richtige für mich zu sein schien, habe ich optimistisch meine Reise gebucht.

Immerhin verhieß bereits der Hotelname „Spirit“. Nämlich den der Göttin Pallas Athene. Sie galt in der von mir heiß geliebten griechischen Mythologie als Göttin der Weisheit und war Schirmherrin der Künste und Wissenschaften. Ich fühlte mich ihr immer schon verwandt, zumal sie niemals eine Liebesbeziehung einging, was mir sehr sinnvoll erschien, bevor ich in Urlaub stach. Noch maßgeblicher war natürlich die Hotelbeschreibung, wie hier auszugsweise: „Lage direkt am Sand-/Kieselstrand... Bei vielen Stammgästen beliebtes und familiengeführtes Strandhotel.. .Landeskategorie B-Klasse... 153 Gästezimmer.. .“

Die Fotos waren nett und ansprechend. Das Hotel wirkte nicht zu groß und alles deutetete auf zwei angenehm faule Wochen in südlicher Sonne direkt am Strand hin.

Natürlich stieß ich nach meiner verbindlichen Buchung auf eine Newsgroup im Internet, die sich ausgiebig mit dem „Athenes Palace“ beschäftigte. Beunruhigend daran war für mich lediglich folgender Eintrag: „Wer Kakerlaken mag, fühlt sich in diesem Hotel bestimmt sehr wohl.. .“ Alles Andere lag noch im grünen Bereich.

Da sich mir nach Durchsicht der Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Online-Reisebüros eine Rücktrittsmöglichkeit sowieso nicht ohne Einsatz gehobeneren Lügenpotentials bot, ließ ich mich per E-Mail beruhigen:

„Guten Morgen Frau Kohn, leider gibt es in südlichen Ländern Probleme mit Kakerlaken. Die Hoteliers sind in der Regel sehr bemüht, die Zimmer frei von diesen Tieren zu halten. Allerdings ist dies nicht immer zu 100% möglich.. .“

Schließlich war ich startklar, ich hatte bezahlt und die letzte E-Mail meiner Freundin stärkte mir endgültig den Rücken:

„Hallo Regina, habe mir die Bewertung durchgelesen, klingt gut. Es ist halt nicht die Südsee und 4 Sterne sind schon in Karlsruhe keine mehr. Rethymnon ist die interessanteste Stadt an der Nordküste. Chania ist auch sehenswert. Wenn Du hilfsbedürftige Tiere siehst, informiere am besten die Friends of Animals of Rethymnon. Wenn Dir ein griechischer Mann oder Bettler auf die Nerven gehen, sagst Du einfach ganz hart und unfreundlich EFCHARISTO! (Ich danke).
Quengel nicht herum, sondern sei freundlich und frisch Dein Griechisch auf, dann wird es schön. Ich beneide Dich.
Yia sou, kalo taxidi,
Christel“

Diese E-Mail wurde schnell noch ausgedruckt und zusammen mit den wichtigen Reiseunterlagen im Handgepäck verstaut. Komisch fand ich, dass ich Tiere retten sollte, während ich griechische Männer oder Bettler rüde behandeln musste. Aber na ja. Sie ist mit einem mazedonischen Musiker verheiratet und hat drei Katzen. Die Mitnahme eines handlichen Fachbuchs zum „Reiserecht“ verkniff ich mir. Die rechtlichen Basics hatte ich ja sowieso im Kopf.

Ankunft und Mängelrügen

Ich kam am griechischen Pfingstsonntag gegen 22.30 Uhr im „Athene“ an. Es war dunkel und ich totmüde. Hunger. Wo war die nächste Toilette? Mein Zimmer? Es herrschte viel Betrieb. An der Rezeption empfingen mich die Chefin und ihr Sohn, der Hotelmanager. Das war sehr herzlich. Sie fanden meine Mütze gut, die ich trug. Nach ca. einer Stunde brachte mich Mihalis mit dem Auto endlich zu meinem Zimmer. Dies befand sich ganz woanders und über eine befahrene Hauptstraße in einem anderen Hotel namens „Palladium“. Nebenan wurde laute Punkmusik gespielt. Ich blieb anweisungsgemäß (Christel!) freundlich und reklamierte sofort, denn ich hatte ja ein Zimmer im „Athene Beach“ gebucht. Mihalis sagte mir den Umzug für Montagmittag (= 1. Urlaubstag) zu. Natürlich wusste ich, dass ich am Montag sofort mit der Reiseleitung sprechen musste. Die sollte um 17.30 Uhr vor Ort sein.

Die erste Nacht war furchtbar. Der Straßenlärm ohne „Lärmstopps“ im Ohr unerträglich und nach einer großen Flasche kretischen Weißweins konnte ich vielleicht drei Stunden schlafen. Wo war ich bloß hingeraten liebe Athene? Am Montagmorgen traf ich nach ca. zehn Minuten Fußmarsch im hoffnungslos überfüllten Speisesaal zum Frühstück ein. Dort lernte ich Petra aus Holland kennen, die auch allein war und eine Woche gebucht hatte. Sie erzählte mir, dass ihr Zimmer ebenfalls „shit“ sei, dass sie aber dort bleiben wolle, weil sie sowieso nur den ganzen Tag am Strand zubringen werde. Nach einem weniger freundlichen Gespräch mit Mihalis zog ich nach dem Frühstück in das eigentlich gebuchte Hotel um. Er meinte, dass dies das ruhigste Zimmer überhaupt sei. Meine Klamotten durfte ich allein rüber schleppen. Weil ich an den Strand wollte, sah ich mir das neue Zimmer zunächst gar nicht so genau an. Es war absolut winzig. Zwar im eigentlichen Hotel, aber direkt über dem Haupteingang und neben einem Lüftungsschacht, durch den die Küche abzog. Eine pumpende Maschine war direkt neben einer Öffnung über der Badewanne angebracht. Ich hielt das zunächst für nicht relevant. Und ich dachte an Petras Worte.

Strand und Meer waren wunderschön. Die Taverne mitsamt Hotelbar ein Traum und ich versuchte, meine Seele einzupendeln. Außerdem hatte ich ein tolles Buch dabei „Cindy liebt mich nicht“ von Jochen-Martin Gutsch und meinem „Liebling“ „Juan Moreno“. Beim Lesen fiel mir auf, dass Männer vielleicht doch lieben können.

Um 17.30 Uhr lernte ich Katrin, die Reiseleiterin von „Thomas Cook“ kennen, die ich ganz wunderbar fand. Ich hatte früher, wenn ich mit meinen Ex-Männern gereist bin, immer furchtbare Urlaube. Verstopfte Toiletten, Ameisen im Bett oder einfach permanenten Beziehungsstress. Die Reiseleiter waren nie daran schuld. Katrin stellte alle in den Schatten. Sie ist absolut frisch, symphatisch und macht ihre Arbeit gern. Sie hat Touristik studiert und Kreta ist ihr erster Job.

Ich stellte fest, dass nicht nur ich einen missglückten Urlaubsstart hatte. Ein Schweizer Ehepaar um die 60 war ohne Koffer angekommen und hatte nicht das gebuchte Zimmer mit Meerblick erhalten. Beide waren trotzdem witzig, charmant und gut drauf. Das steckte mich an. Dennoch ganz „die deutsche Rechtsanwältin“ reklamierte ich und schlug Katrin vor, dass ich einen Ausflug nach „Knossos“ vom Veranstalter „gesponsert“ bekomme (= 40,50 Euro). „Knossos“ ist Pflichtprogramm auf Kreta. Dort sind die berühmten minoischen Ausgrabungsstätten. Der Ausflug sollte in der zweiten Urlaubswoche am Dienstag stattfinden. Katrin musste sich am nächsten Tag nur noch die Freigabe von ihrem Chef holen. Wir wollten uns an meinem zweiten Urlaubstag (= Dienstag) wieder sehen. Ich hatte anschließend ein aufgekratztes Abendessen mit Petra, mehrere Drinks an der Hotelbar und ahnte noch nicht, welche Nacht mir diesmal bevor stand. Das zweite Zimmer war zwar im gebuchten Hotel, jedoch noch eine Mängelstufe höher angesiedelt. Die bereits beschriebene Maschine pumpte die ganze Nacht so laut, dass sogar die „Lärmstopps“ nichts ausrichten konnten. Hinzu kamen Busse, die bis ca. 1.00 Uhr neue Gäste ablieferten, der Lärm der Straße und ab Sonnenaufgang kleine Vögel, die aus ihren Nestern auf den Balkon fielen und quietschten. Sollte ich die „Friends of Animals“ in Rethymnon alarmieren?

Meine Schlafzeit in der zweiten Urlaubsnacht betrug nur noch zwei Stunden. Freundlich bleiben, Reiserecht, reklamieren, kein Zombie werden. Selfcoaching. Ja, ich war gut.

Als ich Mihalis nach dem Frühstück an der Rezeption gegenüber stand, war er mein Feind. Mir war klar, dass er mich mit Absicht im schlechtesten Zimmer des Hauses untergebracht hatte. „Badroom“. Ich rannte zum Aushang der Reiseleitung und rief Katrin an, die meinte, dass jetzt wohl nur noch der Wechsel in ein anderes Hotel angezeigt sei. Oh mein Gott. Was würde mich dort erwarten? Ich stand aufgewühlt neben der Rezeption, als die Hotelinhaberin auf mich zu kam. Mihalis Mutter. Sie nahm mich mit und zeigte mir in einem Gebäude direkt neben dem „Athene“ und am Strand einige Zimmer, die zum Teil noch bewohnt oder gerade frisch gestrichen wurden. Das entsprach zwar auch nicht dem gebuchten B-Klasse-Niveau, aber es hatte griechischen Charme. Wir redeten lange. Ich erklärte ihr, dass ich Rechtsanwältin sei und unbedingt schlafen wollte. Sie sagte: „Um halb drei kannst Du hierher umziehen, wenn Du willst.“ Ja, das wollte ich. Wo blieb mein Urlaub? Ich sollte nach dem Mittagessen wieder an die Rezeption kommen.

Der Urlaub beginnt

Als ich auf der Terrasse der Hoteltaverne sass, war ich fix und fertig. Ich hatte alles aufgeschrieben, hatte Fotos gemacht, es gab Zeugen. Meine Augen fielen zwischendurch immer zu. Es war bereits der zweite Urlaubstag und ich war noch weiß wie Schnee. Da tauchte plötzlich Adonis auf in der Gestalt von Dimitrios. Er arbeitete als Kellner im „Athene“. In der griechischen Mythologie ist Adonis das Sinnbild oder der Gott der Schönheit und einer der Geliebten der Aphrodite. Er wird als wunderschöner Jüngling beschrieben. Er tanzte plötzlich über die Terrasse wie ein spanischer Torero. Ich war so übermüdet, dass ich ihn für eine Halluzination hielt. Heute weiß ich nicht mehr genau, ob es sofort um mich geschehen war oder erst in dem Moment, als ich von einer jungen Griechin erfuhr, dass griechische Männer einer Frau sehr tief in die Augen schauen, wenn sie sie interessant finden. Schließlich hatte ich kaum noch Augen. Nur noch Sehschlitze.

Nach der Mittagszeit erfuhr ich an der Rezeption, dass die Chefin bereits persönlich mein gesamtes Zeug in das dritte Zimmer umgeräumt hatte. Ich bekam den neuen Schlüssel und wankte in Zimmer „205“. Ich hatte nun ein Apartment mit drei Bettten in dem Nebengebäude, dass das „Athene“ aufgrund von Insolvenz des vorherigen Inhabers in diesem Frühjahr dazu erworben hatte. Es war wirklich abgelegen und ruhig. Zum Strand nur zwei Minuten bei langsamster Gangart. Die Dusche war ekelig und voller Schimmelpilze, aber das war mir egal. Ich legte mich um ca. 15.00 Uhr am 2. Urlaubstag in’s Bett und ich schlief sofort ein. Um 20.00 weckte mich eine SMS von Petra: „Dinner! Where are you?“ Ich duschte nicht, sondern ging los, so wie ich war. Alle heimischen Energien waren von mir abgefallen. Petra lachte sich halbtot, als sie mich sah. Ich trug meine unmöglichsten Sachen und meine Haare sahen aus wie ein Bund Wurzeln. Kein Makeup, während Petra schon knallbraun war. Adonis brachte mir meinen Weißwein und sah mir tief in die Augen. Um 21.30 rief Katrin, die Reiseleiterin, an und fragte mich, ob ich noch in ein anderes Hotel wechseln möchte. Ich teilte ihr freundlich mit, dass ich dazu keine Kraft mehr übrig hätte und dass ich im Zimmer „205“ für den Rest meines Urlaubs – wenn nicht sogar meines Lebens - bleiben wollte.

Mein schöner Urlaub

Ich hatte 14 Tage gebucht. An- und Abreisetag zählen nach der Rechtsprechung nicht als reklamationsfähige Urlaubstage, also hatte ich 12. Da ich zwei Tage verloren hatte, fing mein Urlaub am 3. Tag (= Mittwoch) an. Seit diesem Tag wurde ich von allen Leuten im Hotel mit größter Aufmerksamkeit behandelt. Mihalis gab mir Insider-Tipps für Locations und Szene-Treffs in Rethymnon, die ich sonst nie gefunden hätte. Wir duzten uns und er offenbarte mir, dass er deutsche Philosophen in deutscher Sprache lesen kann. Er erzählte mir, dass die Kreter immer im Februar Karneval in Rethymnon feiern. Ein Brauch aus der venezianischen Zeit, dachte ich. Nein, von den Göttern, sagte er. Dionysos, der Gott des Weines und der Masken, ist der Vater des Karneval.

Mihalis erzählte mir, er sei in diesem Jahr als „Eros“ verkleidet zum Karneval gegangen. Eros ist in der griechischen Mythologie der Gott der Liebe.

Wie konnte ich ahnen, dass er seine Pfeile schon abgeschossen hatte? Zunächst hatte ich mich in mein neues Gefühl als Urlauberin verliebt. In die Sonne und in das Meer sowieso. Natürlich in Kreta. Ich wurde immer entspannter und meine Rechte als Pauschaltouristin waren mir völlig egal. Ich bekam Einladungen zu den normalerweise kostenpflichtigen Barbecues, einen Safe und die Drinks zur Hälfte. Ich träumte nachts von den griechischen Göttern und tagsüber lag ich am Strand. Jeden Mittag und jeden Abend sah ich Adonis. Wir sprachen nicht miteinander, sondern sahen uns bloß an und lächelten. Ich konnte immer besser und länger schlafen. Deshalb habe ich Knossos auch nicht gesehen, weil ich den Ausflug verschlafen habe. Alles war nur noch traumhaft. Die Schimmelpilze im Bad wurden sogar fast vollständig weggechlort. Die einzige Kakerlake, die ich in der Dusche fand, betäubte ich mit Sagrotan und ertränkte sie dann im Klo.

Die Frage meiner Entschädigung stellt sich wirklich erst heute und hier, denn ich habe ja nach meiner Rückreise am 3. Juli nur noch vier Wochen Zeit, um konkret an „Thomas Cook“ heran zutreten. Wieviel Prozent habe ich tatsächlich bereits vom Reisepreis zurück erhalten? Kann, soll ich weitere Beträge geltend machen? Nein, denn ich habe weit mehr bekommen, als ich verdient habe. Etwas, was mir ein „Thomas Cook“ sowieso niemals geben kann.

Ich verwandelte mich nämlich von Athene in Aphrodite, die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde. Nachdem ich „Knossos“ verschlafen hatte, bot sich mir eine viel größere Gegenleistung. Ich verbrachte eine Nacht mit Adonis.

Wie diese Nacht war, wird mein Geheimnis bleiben. Ich verdanke sie Eros, dem Hotelmanager.

Meine Freundin Christel hatte Recht mit ihren Reisetipps für Kreta. Freundlichkeit und Respekt sollten immer an erster Stelle stehen. Yamas.


Rechtsanwältin Regina Kohn
info@reginakohn.de