Das Original seit 2000:
Erste Hilfe in Rechtsfragen.
328256
zufriedene Nutzer
Sie sind hier:  www.123recht.net » Unterhaltung » Das Recht in der Geschichte » 
Kurt Tucholsky - 6/6
stu vom 08.02.2001   |   31815 Aufrufe   |   Rubrik: Unterhaltung - Das Recht in der Geschichte

Der Bewachte Kriegsschauplatz

(Dieser Text enthält Kurt Tucholskys wohl berühmtesten Ausspruch "Soldaten sind Mörder", er wurde unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel 1931 in der "Weltbühne" veröffentlicht.)

Mehr zum Thema:
Tucholsky   Rechtskritik  

Bei 123recht.net:
Das Recht in der Geschichte
Karl Kraus

Im nächsten letzten Krieg wird das ja anders sein... Aber der vorige Kriegsschauplatz war polizeilich abgesperrt, das vergißt man so häufig.

Nämlich:

Hinter dem Gewirr der Ackergräben, in denen die Arbeiter und Angestellten sich abschossen, während ihre Chefs daran gut verdienten, stand und ritt ununterbrochen, auf allen Kriegsschauplätzen, eine Kette von Feldgendarmen. Sehr beliebt sind die Herren nicht gewesen; vorn waren sie nicht zu sehen, und hinten taten sie sich dicke. Der Soldat mochte sie nicht; sie erinnerten ihn an jenen bürgerlichen Drill, den er in falscher Hoffnung gegen den militärischen eingetauscht hatte.

Die Feldgendarmen sperrten den Kriegsschauplatz nicht nur von hinten nach vorn ab, das wäre ja noch verständlich gewesen; sie paßten keineswegs nur auf, daß niemand von den Zivilisten in einen Tod lief, der nicht für sie bestimmt war. Der Kriegsschauplatz war auch von vorn nach hinten abgesperrt.




"Von welchem Truppenteil sind Sie?" fragte der Gendarm, wenn er auf einen einzelnen Soldaten stieß, der versprengt war. "Sie" sagte er. Sonst war der Soldat "Du" und in der Menge "Ihr" - hier aber verwandelte er sich plötzlich in ein steuerzahlendes Subjekt, das der bürgerlichen Obrigkeit Untertan war. Der Feldgendarm wachte darüber, daß vorn richtig gestorben wurde.

Für viele war das gar nicht nötig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wußten sie gar keine Wege und Möglichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was hätten sie da auch tun sollen! Sie wären ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus, oder, das schlimmste von allem: Strafkompanie. In diesen deutschen Strafkompanien sind Grausamkeiten vorgekommen, deren Schilderung, spielten sie in der französischen Fremdenlegion, gut und gern einen ganzen Verlag ernähren könnten. Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre.

So kämpften sie.

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.

Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf. Und die Hetze gegen den Professor Gumbel fußt darauf, daß er einmal die Abdeckerei des Krieges "das Feld der Unehre" genannt hat. Ich weiß nicht, ob die randalierenden Studenten in Heidelberg lesen können. Wenn ja: vielleicht bemühen sie sich einmal in eine ihrer Bibliotheken und schlagen dort jene Exhortatio Benedikts XV nach, der den Krieg "ein entehrendes Gemetzel" genannt hat und das Mitten im Kriege! Die Exhortatio ist in dieser Nummer nachzulesen.

Mehr zum Thema
im Internet:
Mehr von Kurt Tucholsky online

Die Gendarmen aller Länder hätten und haben Deserteure niedergeschossen. Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden. Und sperrten den Kriegsschauplatz ab, denn Ordnung muß sein, Ruhe, Ordnung und die Zivilisation der christlichen Staaten.

Seite 1: Überblick
Seite 2: Wiederaufnahmeverhandlung
Seite 3: Der Mensch
Seite 4: Der Verkehr
Seite 5: Deutsche Richter von 1940
Seite 6: Der Bewachte Kriegsschauplatz


Seiten in diesem Artikel:
  • 1) Überblick
  • 2) Wiederaufnahmeverhandlung
  • 3) Der Mensch
  • 4) Der Verkehr
  • 5) Deutsche Richter von 1940
  • 6) Der Bewachte Kriegsschauplatz
  • 123recht.net ist Rechtspartner von:

    328256
    registrierte
    Nutzer

    durchschnittl. Bewertung

    94197
    beantwortete Fragen
    10
    Anwälte jetzt
    online
    Rechtsanwältin
    Sarah Scherwitzki
    Scherwitzki
    Schwerpunkte: Erbrecht, Verkehrsrecht, Miet und Pachtrecht, Pferderecht, Vertragsrecht.
    Jetzt von diesem Anwalt beraten lassen:
    Quickie! Ihre Meinung zählt.
    Kritik an Wulff ebbt nicht ab - Soll er als Bundespräsident zurücktreten oder bleiben?

     Bleiben
     Zurücktreten
     Mir egal