Kleiner Fisch wird zum Fünf-Milliarden-Euro-Mann
AFP VOM 27.1.2008 | Nachrichten - Nachrichten | 11767 Aufrufe Mehr zum Thema:Milliarden, Bank, Betrug
Jérôme Kerviel wegen Milliardenskandals vorerst festgenommen
Er war ein einfacher Händler bei der französischen Großbank Société Générale. Am Freitag stand sein Bild auf den Titelseiten der Zeitungen rund um den Globus. Am Samstag schließlich stellte er sich und ließ sich von der Finanzpolizei in Gewahrsam nehmen. Jérôme Kerviel soll durch einen nie da gewesenen Betrug der Société Générale einen Verlust von fast fünf Milliarden Euro beschert haben. Einige machen den 31-Jährigen sogar dafür mitverantwortlich, dass die Finanzmärkte kurz vor den ersten Medienberichten über den Skandal in die Knie gingen und die US-Notenbank Fed die Zinsen senken musste.
Kerviel war seit dem Jahr 2000 bei der Société Générale. Seit 2005 arbeitete er dort als Händler im Pariser Geschäftsviertel La Défense, aber er war ein kleiner Fisch. Knapp 100.000 Euro verdiente er im Jahr, während Kollegen durch großzügige Prämien für gelungene Geschäfte Millionen absahnten. Mitarbeiter der Bank beschreiben Kerviel, der manche vom Aussehen her an Tom Cruise erinnert, als fleißig, zurückhaltend, eher in sich gekehrt - ein Kontrast zu dem oft aufschneiderischen Gehabe der "Golden Boys" in der Finanzbranche.
Ein Gewerkschaftsvertreter spricht von einem "zerbrechlichen Gemütszustand" des jungen Franzosen, der sich seine frei Zeit mit Segeln und Judo vertrieb. Vor zwei Jahren starb Kerviels Vater, ein Friseur im Ruhestand, an Krebs. Zeitungen verweisen auf eine Freundin, die den Banker jüngst verlassen habe.
Dass Kerviel so genau über die Sicherheitsmechanismen bei der Société Générale Bescheid wusste, liegt daran, dass er vor sieben Jahren just in der Abteilung anfing, die für interne Kontrollen zuständig ist. Im sogenannten Middle Office habe er tiefe Einsicht in die Sicherungssysteme der Bank erhalten, sagte Bank-Vize Philippe Citerne. Die Direktorin von Kerviels ehemaliger Schule für Finanzfachleute an der Universität Lyon, Valérie Buthion, bringt es auf den Punkt: "Jedem Menschen, dem sie die Kontrollmechanismen beibringen, bringen Sie auch die Möglichkeiten bei, diese zu umgehen."
Das tat Kerviel, der die Ausbildung etwas besser als der Durchschnitt beendete, zunächst in relativ überschaubarem Maße. Er schloss ohne Erlaubnis Wetten auf das Steigen oder das Fallen von Aktienindizes ab - und verschleierte laut seinem Arbeitgeber diese Positionen durch "extrem ausgefeilte und wechselnde Techniken". Anfang Januar soll Kerviel dann aufs Ganze gegangen sein und ein Finanzkonstrukt aufgebaut haben, das manche auf 50 bis 73 Milliarden Euro schätzen. Als die Bank dies merkte, verkaufte sie Kerviels Positionen ab Montag mitten in die Börsenkrise hinein auf einen Schlag. Am Ende blieb ihr ein Verlust von 4,9 Milliarden Euro.
Über Kerviels Motive wird spekuliert. Der Société Générale zufolge versuchte er nicht, sich persönlich zu bereichern. Wollte Kerviel seinen erfolgreicheren Kollegen und sich selbst beweisen, dass er es drauf hat und alle mit einem Milliardengewinn überraschen? Oder war es eine Art Amoklauf, mit der er seiner mäßig erfolgreichen Karriere mutwillig ein Ende setzen wollte?
Diese Fragen soll Kerviel jetzt der Pariser Finanzpolizei beantworten. Sie hatte ihn am Samstag in Gewahrsam genommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft zeigte sich Kerviel kooperativ und bereit auszusagen. Der Finanz-Jongleur hatte sich selbst den Ermittlern gestellt. Zuvor waren seine Wohnung im Pariser Vorort Neuilly sowie sein Büro in der Bankzentrale durchsucht worden.
Die Société Générale beharrt auf ihrer These von einem Einzeltäter, auch wenn sie mehrere von Kerviels Vorgesetzten entließ. Société-Générale-Chef Daniel Bouton verurteilte den geschassten Banker als "Betrüger und Terrorist". Kerviels Familie zeigte sich angesichts solcher Vorwürfe fassungslos. Seine Tante Sylviane Le Goff sagte, ihr Neffe sei mit Sicherheit manipuliert worden, denn er sei immer "seriös und zurückhaltend" gewesen.
27. Januar 2008 - 14.25 Uhr
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