Karl Kraus

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Gerichtspsychiatrie 1

Karl Kraus
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Karl Kraus äußerte sich zu mehreren Verhandlungen, bei denen gerichtsmedizinische Urteile eine wichtige Rolle spielten. Hier ein Beispiel vom Februar 1904:

"Er hatte Zittern, heftige Krämpfe beim Einschlafen, morgens Üblichkeiten. Er ist auch innerlich haltlos geworden, seine ursprünglich feinere Empfindung in poetischer und literarischer Beziehung wurde durch den Alkohol immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Er hatte keinen Geschmack mehr an feineren Darbietungen des Burgtheaters und der Oper, und ethisch immer tiefer sinkend, trieb er sich mit weiblichen Bekannten im Tingeltangel herum."
Ja, dann feilich ist alles begreiflich. Die Gerichtspsychiater haben hier nicht nur, wie es ihre Pflcht ist, wichtige Symptome festgestellt, sondern auch, was sie für ihre Pflicht halten, wichtige Indizien geliefert. Für die Frage, ob der Angeklagte Z. Betrug und Veruntreuung begangen hat, ist es einfach ausschlaggebend, daß er keinen Geschmack mehr an feineren Darbietungen des Burgtheaters und der Oper hatte. Jedenfalls ist es ein Beweis moralischer Minderwertigkeit...
Man könnte einwenden, es handle sich vielleicht bloß um ein ästhetisches Problem und ein Defraudant habe nicht den übelsten Geschmack bewiesen, wenn er mancher Burgtheaternovitäten die Gesellschaft "weiblicher Bekannten" im Tingeltangel vorgezogen hat. Vielleicht ist es auch ein Irrtum zu glauben, daß man durch den Verkehr mit weiblichen Bekannten oder durch den Aufenthalt im Variété ethisch immer tiefer sinkt. Es gibt Menschen, die beides schon erprobt haben und trotzdem sich um keinen Schritt der Möglichkeit, Depots zu veruntreuen, näher gerückt fühlen. Am Ende könnte einer sogar ein Don Juan sein, und doch vom Scheitel bis zur Sohle ein Ehrenmann in wirtschaftlichen Dingen. Einen Defraudanten hinwiederum brauchte das Gelübde der Keuschheit nicht zur Enthaltung von fremden Eigentum zu zwingen.
Aber eines steht fest: das schwindende Interesse eines Angeklagten an den Darbietungen des Burgtheaters könnte - und wenn er Millionen veruntreut hätte - noch immer eher für den künstlerischen Verfall des Burgtheaters als für den sittlichen des Angeklagten zeugen. Und nicht zu beklagen ist, wer durch seine Verhaftung an dem Besuch der letzten Novitäten gehindert wurde.

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