Jugendgewalt: Ursachen und Auswege

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Gespräch Rubrik, Jugendgewalt,, Jugenddelinquenz,, Jugendstrafrecht,, Täter-Opfer-Ausgleich

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Ein Gespräch mit dem Experten für Kriminologie, Christian Pfeiffer

Erfurt, München, Hannover - anscheinend ist die Republik gepflastert mit mehr oder weniger spektakulär gewaltbereiten Jugendlichen. Detailgenaue Schilderungen des jeweiligen Tathergangs füllen die Zeitungen. Ursachen und Auswege werden selten aufgezeigt.
Als Gründe führte Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), in einem Gespräch mit 123recht.net die Medienverwahrlosung Jugendlicher und häufiges Schulschwänzen an. Auswege könnten nach Meinung des Experten mehr Ganztagsschulen mit vernünftiger Freizeitgestaltung sowie die intensive Integration ausländischer Kinder schon im Vorschulalter bieten. Zudem bewertete Pfeiffer das Durchführen eines Täter-Opfer-Ausgleichs (TOA) als Alternative zur strafrechtlichen Hauptverhandlung als sinnvolles Instrument für eine echte Auseinandersetzung des Täters mit der Tat und ihren Folgen.

Medienverwahrlosung

Der Kriminologe sieht die Ursachen solcher Gewalttaten unter anderem in der zunehmenden Medienverwahrlosung männlicher Jugendlicher. „Aktuelle Befragungen haben ergeben, dass inzwischen 56 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen jugendgefährdende Filme anschauen.“ Der Konsum solcher Filme verarme ihre soziale Existenz. „Wer pro Tag in seiner Freizeit mehr als vier Stunden vor dem Fernseher oder dem PC verbringt, der versäumt das Leben“, mahnte der Experte.
Untersuchungen haben ergeben, dass sich einschlägige Filme bei fünf bis zehn Prozent der Jugendlichen unmittelbar auf ihre persönliche Gewaltbereitschaft auswirken. Bei diesen Jungen, die wegen innerfamiliärer Gewalt, emotionaler Vernachlässigung oder Schulversagen ohnehin gefährdet seien, könnten exzessive Gewaltszenen direkt als Identifikations- und Handlungsmuster dienen.
Prominentestes Beispiel dürfte der „Amokläufer“ von Erfurt, Robert Steinhäuser, sein.

Ganztagsschulen

Eine Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen, sieht Pfeiffer in einem größeren Angebot von Ganztagsschulen.
Vor allem für Kinder aus Familien, die aus finanziellen Gründen nicht in der Lage seien, nachmittags ein vernünftiges Freizeitprogramm anzubieten, stelle die Ganztagsschule eine große Hilfe dar. „Wer nachmittgs im schulischen Bereich mit Theater, Sport oder Musik beschäftigt ist, kommt auch nicht auf dumme Ideen“, sagte der Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Hannover.
In den USA beispielsweise unterstützen Schauspieler Theaterprojekte und motivieren die Schüler so, etwas Sinnvolles in ihrer Freizeit zu tun. Ähnlich engagiert zeigten sich dort Sportler und Musikbands.
„Wir müssen Lust auf Leben wecken.“ Pfeiffer appelliert in diesem Zusammenhang an die Bürger, sich ehrenamtlich an den Schulen ihres Stadtteils einzubringen.

Schulschwänzen und Jugenddelinquenz

„Wir müssen uns intensiver um Schulschwänzer kümmern“, meinte der ehemalige Justizminister Niedersachsens. „Häufig ist ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Fernbleiben am Unterricht und straftatrelevantem Verhalten zu erkennen.“ Im Jahr 2000 sind in Hamburg, Hannover, Leipzig, München und Friesland 10.460 Schüler der neunten Jahrgangsstufe zum Schwänzen befragt worden.
Diese Untersuchung des KFN hat ergeben, dass 52,9 Prozent der Befragten innerhalb eines Halbjahres einzelne Stunden oder Tage die Schule geschwänzt haben. 14,8 Prozent der Befragten sind mit fünf oder mehr Tagen Fehlzeit pro Halbjahr als intensive Schwänzer einzustufen.
Der Leiter des KFN lobt insofern die Arbeit des niedersächsischen Kultusministers, Bernd Busemann(CDU), zum Thema Absentismus. Es sei zu begrüßen, dass Schule und Erziehungsberechtigten im reformierten Schulgesetz des Landes eine gegenseitige Informationspflicht über Fehlzeiten von Schülern auferlegt worden ist.
In diesem Zusammenhang nimmt auch die Polizei vermehrt präventive Aufgaben wahr. Sie geht speziell an Treffpunkten von Schwänzern Streife, um ihnen klar zu machen, dass ihr Fernbleiben vom Unterricht nicht unentdeckt bleibt. Die Beamten führen Gespräche mit den Jugendlichen, zeigen ihnen die Folgen des Schulschwänzens auf und versuchen, so eine Sensibilität für die Einhaltung gesellschaftlicher Normen zu wecken. Außerdem findet ein Dialog zwischen Schule und Polizei statt.

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Integration ausländischer Kinder

Für unerlässlich hält Pfeiffer die Integration Jugendlicher aus Migrantenfamilien. Diese Gruppe trete im Rahmen der Jugenddelinquenz besonders häufig in Erscheinung. Die Ursachen dafür seien in ihrer Kultur zu sehen. So fühlten sich diese Jungen stark den Männlichkeitsidealen verpflichtet. Pfeiffer spricht in diesem Kontext von „Machogehabe“. Zudem erlebten sie erhebliche innerfamiliäre Gewalt und seien daher auch selbst gewaltbereiter.
Eine frühe Integrationsmöglichkeit sieht der Professor in den Kindergärten. „Es ist wichtig, ausländische Kinder gleichmäßig auf die Einrichtungen zu verteilen.“ Pfeiffer schlägt eine Verteilung von fünf ausländischen auf eine Gruppe von insgesamt 20 Kindern vor. So könnten Sprachbarrieren verhindert werden und Kinder, die sich im Kindergarten verstehen, spielen dann auch am Wochenende miteinander. „Der Kindergarten ist die Integrationsstätte schlechthin."
Mit diesem Ansatz könne verhindert werden, dass Migranten zu Schulversagern werden und vor lauter Frust nur Schwierigkeiten machen.

Täter-Opfer-Ausgleich als Alternative zur Hauptverhandlung

Ist das Kind erst in den Brunnen gefallen, muss es trotzdem nicht unbedingt zu einer Hauptverhandlung kommen. Eine Alternative bietet der Täter-Opfer-Ausgleich. Dabei handelt es sich um die Bemühung eines Täters nach einer Straftat, einen Ausgleich mit dem Verletzten zu erreichen.
Mit diesem Verfahren können Konflikte möglicherweise ohne Staatsgewalt gelöst werden. Opfer von Straftaten erreichen so schneller und direkter eine Wiedergutmachung ihres Schadens. Geschlichtet wird hauptsächlich nach Körperverletzungen, Beleidigungen und innerfamiliärer Gewalt.
Der Statistik zu Folge enden die Konflikte in etwa 60 Prozent der Fälle mit einer für die Beteiligten vernünftigen Lösung. Der außergerichtliche Schlichtungsversuch schult eigenverantwortliches Handeln. "Opfer leben nach diesem Prozedere besser mit der Tat, weil sich der Täter direkt vor ihnen verantworten musste", meinte Pfeiffer.
Auf der anderen Seite lernen die Täter so, "ihre Suppe selbst auszulöffeln", so der Kriminologe. "Täter, die sich einem TOA gestellt haben, werden seltener rückfällig als solche, die ein ganz normales Strafverfahren erlebt haben", berichtete Pfeiffer aus seiner Erfahrung.
Kommt es dann doch noch zu einer Hauptverhandlung, kann das Gericht die Bereitschaft des Straffälligen zu einer auergerichtlichen Streitlösung strafmildernd berücksichtigen.

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