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Im Westen nichts Neues
Seite 1 - way vom 19.03.2002

Im Westen nichts Neues

Die bislang konkurrierenden Wirtschaftsprüfer von KPMG und Arthur Andersen wollen gemeinsame Sache machen. Für den Laien sei erklärt, worum es bei der Wirtschaftsprüfung geht: Wirtschaftsprüfer kontrollieren die Zahlen, die Unternehmen herausgeben: Bilanzen, Geschäftsberichte usw. Diese Zahlen dienen dem Finanzamt als Grundlage der Besteuerung, Aktionären als Einblick in die Unternehmen, in die sie ihre Euros und Dollars investieren.

Wirtschaftsprüfer sind also dazu da, sicherzustellen, dass Unternehmen richtige Zahlen veröffentlichen. Ein Beispiel: Die Telekom möchte ihre Bilanz veröffentlichen. Sie stellt dazu alle nötigen Zahlen zusammen und engagiert eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Am Ende eines langen Prozesses mit vielen Meetings, Flügen in der Businessclass und üppigen Honoraren setzen die Wirtschaftsprüfer dann sinngemäß ihr Siegel unter die Bilanz: "Diese Bilanz entspricht den gesetzlichen Vorschriften".

Man beachte die Feinheit der Formulierung: Die Bilanz entspricht den gesetzlichen Vorschriften. Sie entspricht deshalb noch lange nicht der Wahrheit.

Natürlich versucht das Unternehmen, das einen Wirtschaftsprüfer beauftragt, sich in der Bilanz von der Sahneseite zu zeigen. Das ist legitim. Denn es gibt nicht die eine richtige Bilanz. Viele Geschäftsvorgänge lassen im Rahmen der Gesetze Interpretationen und verschiedene Vorgehensweisen zu. Da gilt es, die richtige Darstellung zu wählen.

Die Aktionäre können sich nicht zwangsläufig auf diese Bilanz verlassen. Zunächst einmal gibt es für jede gesetzliche Regelung ein entsprechendes Schlupfloch, und man darf nicht vergessen, wessen Hand die Wirtschaftsprüfer ernährt. Wirtschaftsprüfer handeln nach Möglichkeit im Interesse ihrer Kunden. Und davon hängt der Unternehmenserfolg ab. Es ist nicht neu, dass die Ehrlichkeit häufig vor den Interessen kapituliert. Die Suche nach Schlupflöchern forcieren also alle Beteiligten. Von einer objektiven Kontrollinstanz kann keine Rede sein.

Und genau hier liegt das Problem. Auch Wirtschaftsprüfer bedürfen der Kontrolle. Der Staat und die Aktionäre bzw. Anteilseigner sind angesprochen, denn sie haben ein Interesse an der Wahrheit. Tatsache ist aber, dass diese Kontrolle vielfach nicht stattfindet. Die Vorgänge bei Enron in den USA werden zu Recht als Spitze des Eisbergs angesehen.

Wenn sich, insbesondere nach der Blamage von Andersen im Fall Enron, die KPMG und Andersen zusammenschließen, dann zeigt das nur, dass zwei Wolfsrudel jetzt gemeinsam heulen. Im Westen nichts Neues. Wobei es auch hier natürlich das obligatorische Blatt der Scham gibt: Die Amerikaner dürfen nicht mitmachen. Weil sie böse waren. Aber in einer Branche, die mit Begriffen wie Global Village, Synergien und Networking bei ihren Kunden hausieren geht, ist das einfach lachhaft. Andersen Amerika ist Andersen weltweit.

Die KPMG unterhält übrigens eine Sparte, die sich "Integrity Services" nennt. Sinngemäß bietet man dabei Unternehmen an, bei dem Aufbau einer Unternehmensethik und der Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität zu helfen. Anstatt mit einem Täter gemeinsam Geschäfte zu machen, sollte man Andersen diese Dienstleistungen anbieten.

Nur geht es bei dieser Fusion nicht darum, den Übeltäter wieder auf den Pfad der Tugend zu bringen. Es geht darum, gemeinsam Geld zu verdienen. Von einer Läuterung indes ist weit und breit nichts zu sehen. Hier regiert das gemeinsame Interesse der Bereicherung.
Und das müssen die häufig unerfahrenen deutschen Aktionäre lernen: In der Wirtschaft herrscht genauso wie in der Politik das Prinzip "Interesse". Glauben und Vertrauen sind in der Wirtschaftswelt keine ebenbürtigen Begriffe zur Kontrolle.



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Nikolaos Penteridis, Bad Lippspringe
beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Medizinrecht, Versicherungsrecht, Sozialversicherung.
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