Im Namen des Volkes

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Meinung Rubrik, Richter, Jura, Ausbildung, Einheitsjurist, Beruf, Gerichtsverfahren, Jurist

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Wir brauchen nicht mehr Richter in Deutschland. Wir brauchen eine bessere Ausbildung und weniger Gerichtsverfahren.

Der Deutsche Richterbund schlägt Alarm. "Bundesweit fehlen derzeit mehr als 2000 Richter und Staatsanwälte." Lange Verfahren, überlastete und schlecht vorbereitete Ankläger und Richter sind die Konsequenz.

Jetzt ist es ja nicht so, dass es in Deutschland niemanden gibt, der Richter werden wollte. Potentielle Kandidaten gibt es genug, als Jurist trampelt man sich an der Universität ja quasi auf den Füßen rum. Und viele der Absolventen würden sicher auch gerne beruflich über andere urteilen und damit das liebste Hobby eines jeden Menschen zur Profession machen wollen.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Jeder Jurist, der das Zweite Staatsexamen erfolgreich bestanden hat, ist "zum Richteramt befähigt". Rein theoretisch, zumindest. Rein praktisch können sich nur diejenigen auf einen Richterstuhl setzen, die Prädikatsexamina vorweisen können. Aber wo es in anderen Studiengängen von Prädikaten nur so wimmelt, tummeln sich bei den juristischen Zeugnissen die Noten "befriedigend" und "ausreichend".

Nicht, weil Juristen so dumm sind. Es liegt an der Juristerei, die ist irgendwie - anders. Gewollt anders, muss man sagen. Wo es in den meisten Fachbereichen Kuschelnoten hagelt, treten die Notengeber bei den Juristen noch einmal extra nach. Das war traditionell schon immer so, und wer ist gut darin, Traditionen zu brechen? Richtig, nicht die Juristen. Lieber erfinden sie eine zusätzliche Note, das "Vollbefriedigend". Übersetzt heißt das: Du bist unwürdig, aber nicht ganz so unwürdig wie der Rest.

Einige wenige Auserwählte schaffen es dann doch, das Prädikatsexamen. Die wahrhaftige Befähigung zum Richteramt. Aber von den Bewerbern muss man dann die aussieben, die nicht nur theoretisch die derbsten Paragrafenreiter sind, sondern auch praktisch richtig was auf der Pfanne haben. Denn als Richter muss man frei reden können, eine große Allgemeinbildung jenseits der juristischen Bücher, Lebenserfahrung, Empathie und, hoffentlich, eine große Menschenkenntnis haben.

Lebe glücklich, lebe froh, wie der König Salomo. An der Uni lernt man das nicht, und konsequenterweise bleiben dann nicht so viele übrig, die ein Bundesland wirklich auf Lebenszeit verbeamten will.

Eine Lösung wäre natürlich, die Anforderungen an die Noten herabzusetzen und den "Soft Skills" mehr Beachtung zu schenken. Ich persönlich würde mir immer lieber einen Richter wünschen, der während des Studiums mehr gelebt und weniger gebüffelt hat. Gerechtigkeit und Gerechtigkeitssinn, Einfühlvermögen, ist das eine Frage von Noten?

Die reine Vermittlung von Fachwissen und der wissenschaftlich korrekten Ausdrucksweise, die absurde Benotung und die völlige Missachtung von sozialen Kompetenzen während der juristischen Ausbildung muss reformiert werden. Wir müssen weg vom Einheitsjuristen, der einen Einheitsbrei "Jura" lernt und damit "alles machen kann", hin zur Ausbildung für ein spezielles Berufsbild: Rechtsanwalt oder Richter etwa. Die Anforderungen für einen Rechtsanwalt sind etwas völlig anderes als das, was ein Richter können muss.

Eine weitere Problematik ist, dass man bei den Ländern gar nicht mehr Richter einstellen kann, selbst wenn man wollte. Da kann der Richterbund noch so jammern: Man muss sparen, im Staate. Ein überschuldetes Land ist nicht in der Position, sein Justizwesen auszubauen, geschweige denn zu modernisieren. Dann lieber Stellen abbauen und die übrig bleibenden Richter bis zur Blutleere ausquetschen. Ein bisschen was geht immer noch mehr.

Eine Zwickmühle. Wir haben eine Ausbildug, die mehr darauf ausgerichtet ist, auszusieben, als praktisch für bestimmte Berufe auszubilden. Und selbst wenn wir mehr geeignete Richterkandidaten hätten, dann könnten sie aus Mangel an finanziellen Mitteln nicht eingestellt werden. Gibt es vielleicht noch andere Möglichkeiten, die Justiz zu entlasten? Immerhin gehören die Deutschen zu den klagefreudigsten Ländern der Welt. Sollte man nicht eher die "Ich klag mich reich und dich kaputt" Mentalität in Frage stellen? Warum muss etwa jeder Nachbarschaftsstreit von einem Richter entschieden werden? Wir müssen Schiedsgerichte und Mediatoren stärken und in bestimmten Verfahren als gesetzliche Pflicht verankern.

Wir brauchen nicht primär mehr Richter, sondern eine bessere, praxis-relevante Ausbildung mit realistischer Beurteilung. Im gleichen Schritt müssen wir die Anzahl der Klagen begrenzen, außergerichtliche Vergleiche und Mediationen hervorheben.

Schiedsurteile haben noch einen weiteren Vorteil. Urteile "im Namen des Volkes" verstehen derzeit nur Eingeweihte. Ein Schiedsspruch eines Mediators lässt sich da viel besser nachvollziehen.

Leserkommentare
von geprellt95 am 19.11.2013 14:54:16# 1
Wir haben eine Kultur der Lügner und Betrüger und das seit 1945. Und auch die Justiz hat sich damals hinter der Behauptung versteckt: Wir wußten nicht, was da vor sich ging - wir haben nur das gemacht, was "rechtens" war. Ja, damals wie heute waren die wenigsten einem empathischen Gewissen verpflichtet nach der Formel: "Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu." ...und das in unserem, ach so "christlichen" Abendland... wir sind keinen Deut besser. "Wie man sich bettet, so liegt man."
    
von Harry van Sell am 23.05.2016 16:12:31# 2
Gerade gelesen und spontan gedacht kann man den Maas nicht in Frührente schicken und den Arne auf den Posten setzen ... ?




    
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