Ihr habt Satire getötet

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Was ist ernst gemeint, was Parodie? Satire und Realität lassen sich heute nur noch schwer unterscheiden.

Vor Kurzem geisterte ein Interview mit der amerikanischen Politikerin Michele Bachmann durch das Internet. Die Republikanerin macht darin Stimmung gegen arabisches Essen, will Falafel und andere "Jihad" Speisen aus Schulkantinen verbannen. All diese arabischen Speisen seien nur der Einstieg. Die Kinder würden Falafel essen, hey, das schmeckt gut, dann Shawarma. Was kommt sonst noch so aus Arabien? Und eh man sich versieht, liest die amerikanische Jugend den Koran und verschwört sich gegen die USA.

Das Interview ist richtig gut geschrieben und macht einen glaubhaften Eindruck. Man runzelt die Stirn, lacht nervös, schaut auf die Quelle, ob man nicht bei theonion.com gelandet ist, dem bekannten amerikanischen Satiremagazin. Nein, die Seite heißt dailycurrant.com. Klingt seriös, sieht auch so aus. Man muss dreimal hinschauen, um Gewissheit zu haben: Puh, das Interview ist doch nicht echt. Das ist Satire. Zum Glück.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Trotzdem - da wäre ich doch fast drauf reingefallen. Die Aussagen sind so abstrus, ignorant, engstirnig - wie konnte man auch nur eine Sekunde in Betracht ziehen, dass es sich hierbei um die ernste Meinung einer einflussreichen Politikerin aus der "freien Welt" handeln könnte? Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: Das tägliche Geschehen ist so absurd geworden - in den USA, bei uns, weltweit - der beste Satiriker könnte sich das nicht ausdenken.

Die Intensität des Absurden ist in letzter Zeit immer schwerer zu ertragen gewesen. Satire wird so unmöglich. Als Beispiel sei hier nur an den "Nachrichten"sender Fox News erinnert, der die Muppet Show kürzlich als kommunistisches Werkzeug bezeichnet hat, das amerikanische Kinder einer linken Gehirnwäsche unterziehen würde. Tatsächliche getätigte Aussage im Wahlkampfgetöse. Oder war das auch Satire?

Man muss nicht erst in die USA schauen. Den letzten großen "wach-ich-oder-träum-ich-Moment" hatte ich angesichts des Skandals um den Thüringer Verfassungsschutz. Beim Untersuchungsausschuss des Landtages antwortete der ehemalige Verfassungsschutz-Präsident Helmut Roewer so unglaublich albernes Zeug, dass man sich regelrecht kneifen musste, ob man nicht träumt: "Wie ich Verfassungsschutz-Präsident wurde? Es war an einem Tag nachts um 23 Uhr, da brachte eine mir unbekannte Person eine Ernennungs-Urkunde vorbei, in einem gelben Umschlag. Es war dunkel, ich konnte sie nicht erkennen. Ich war außerdem betrunken. Am Morgen fand ich den Umschlag jedenfalls noch in meiner Jacke."

Wen kann und darf man eigentlich noch ernst nehmen?

Da lohnt dann doch wieder der Blick zurück in die USA. Die unabhängige Seite factcheck.org hat sich dort zur Aufgabe gemacht, Aussagen von führenden amerikanischen Politikern auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Behauptungen und Meinungen von Republikanern wie Demokraten werden dort zerlegt und den Fakten gegenübergestellt. Interessant, lehrreich und entlarvend. Und garantiert keine Satire. Hoffe ich wenigstens.

So eine Faktenseite sollte es hier auch geben. Aussagen wie die von Angela Merkel nach dem Rücktritt von Christian Wulff wären für ein deutsches Faktencheck-Projekt wie geschaffen: "Christian Wulff hat sich in seiner Amtszeit voller Energie für ein modernes, offenes Deutschland eingesetzt. Er hat uns wichtige Impulse gegeben und deutlich gemacht, dass die Stärke dieses Landes in seiner Vielfalt liegt. Diese Anliegen werden mit seinem Namen verbunden bleiben.“

Meint sie das jetzt wirklich ernst? Wenn man die Realität nicht mehr von ihrer Parodie unterscheiden kann, dann läuft irgendwas gewaltig schief.

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