Hundekot Blues
1.6.2012 | Editorial - Der Rechthaber | 1567 Aufrufe Mehr zum Thema:Müll, Hundekot, Zigarettenkippen, Vermüllung, McDonald's Tüten
"Wo ist denn hier der Mülleimer?" - "Du stehst drauf."
Der Rechthaber
Kennen Sie das Phänomen des McDonald's Tüten Wegwerfens? Man kann es besonders bei ländlichen Filialen der Fast-Food-Kette oder am Stadtrand beobachten. In den umliegenden Landstraßen und Autobahnauffahrten liegen oft Tüten und Verpackungen von McDonald's - von Autofahrern nach dem Essen aus dem Fenster geworfen.
Was für Menschen machen so etwas? Man kann jetzt natürlich einen Bogen ziehen zwischen bestimmten Gesellschaftsschichten und Fast-Food-Konsum, das Umweltbewusstsein der Landbevölkerung mit der Stadtbevölkerung vergleichen oder getunte Autos mit Ignoranz gleichsetzen. Das wäre aber zu einfach. Die Häufung von McDonald's Tüten in ländlichen Gebieten hängt wohl eher damit zusammen, dass die Fahrer sich dort unbeobachteter fühlen als in einem vielbefahrenen Stadtgebiet.
Die Natur wird von allen Gesellschaftsschichten vermüllt, ob am Badesee, am Fluss, am Strand, auf der Grillwiese oder im Park. Jugendliche nach Saufgelagen oder Familien nach dem Grillen gebaren sich oft wie die Vandalen. Und neben Plastikmüll und Flaschen sind es immer auch Zigarettenkippen, die einfach weggeschnippt werden. Zack, ab in den See. Zack, ins Gras.
Viele Strände und Wiesen erinnern eher an Aschenbecher als an Erholungsgebiete.
In Amsterdam konnte ich einen Mitarbeiter eines Cafes beobachten, wie er den Müll und die Aschenbecher von den Tischen ganz offen in die Gracht entleert hat. Schien niemanden zu stören. Zugänge zum Meer sorgen dafür, dass der Müll ganz schnell außer Sicht gelangt. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Sind Sie schon mal einen Sessellift in einem Skigebiet hochgefahren, nachdem der Schnee geschmolzen ist? Wo vorher der Schnee das Gröbste verdeckte, sieht man jetzt jede Menge Abfall - und natürlich auch wieder jede Menge Zigarettenkippen. Wichtig ist nur die nächste Abfahrt, der nächste Kicker. Die Natur cool finden ist anscheinend total uncool.
Wie viele Hundebesitzer sammeln die Haufen ihrer Tiere ein? In vielen Städten geht man nicht spazieren, da tanzt man durch ein Minenfeld. Anstatt mit ihren Hunden in der Hundeschule Klassenbester zu werden sollten die Hundebesitzer lieber mal in eine Menschenschule: "Wie man lernt, kein Dreckskerl zu sein. Sieben einfache Verhaltensregeln für Anfänger."
Ich könnte stundenlang so weitermachen. Frage ist, was tun? Würde es helfen, Umweltverschmutzer härter zu sanktionieren? 1.000 Euro für eine weggeworfene Kippe oder einen Hundehaufen halte ich für nicht überzogen. Fast noch zu billig! Und es würde Geld in die Kassen spülen. Berlin steht ja immer am Rande des Ruins, die könnten sich so innerhalb von zwei Wochen in die Liga von Kitzbühel strafen.
Aber bekämpfen Strafen tatsächlich die Ursache? Wenn Abschreckung im Strafrecht funktionieren würde, dann wären die Gefängnisse weltweit leer und Strafverteidiger arbeitslos. Das Problem ist doch, dass es kein Bewusstsein für das große Bild, für die Allgemeinheit, für den Nachbarn oder den Gegenüber gibt. Oder sprechen wir es doch mal aus: für Mutter Erde. Wir sehen immer nur uns selbst. Strafen können uns kurzzeitig aufwecken, in den meisten Fällen aber kehrt unsere Ego-Routine früher oder später zurück.
Also stattdessen mehr Aufklärung? Hier in Hannover gibt es den schönen Hermann-Löns-Park mit dem Annateich. Dort tummeln sich jede Menge Enten, Gänse und Schilder. Man solle das Füttern der Tiere doch bitte unterlassen, steht da. Alle zwei Meter wird man darüber aufgeklärt, was die unnatürliche Fütterung für Tiere, die Umwelt und das Gewässer bedeutet. Es ist grotesk zu beobachten, wie Eltern mit ihren Kindern direkt neben diesen Schildern stehen und fröhlich Brot und Gebäck ins Wasser schmeißen.
Selbstjustiz vielleicht? Dem Hundebesitzer vor seine Eingangstür wursten? Dem Skifahrer in den Glühwein aschen? Der fütternden Mutter vor ihren Kindern die Leviten lesen und den McDonald's Autonarren Zucker in den Tank schmeißen?
Kann ja irgendwie auch keine Lösung sein.
Vielleicht eine positive Verstärkung? Etwa Schilder am Parkausgang: "Vielen Dank, dass Sie die Tiere nicht gefüttert haben. Sie helfen so, diesen Teich sauber und die Umwelt im Gleichgewicht zu halten." Würde die Mutter darüber eher nachdenken? Zweifelhaft.
Wir müssen einfach jeder versuchen, an uns selbst zu arbeiten. Unsere eigene Ignoranz im Zaum halten. Wenn wir damit nur einen anderen Egomanen mit umpolen, ist schon viel getan. Denn solange es immer mehr Menschen gibt, die am Badesee den Müll anderer wegräumen, gemeinsame Aufräumaktionen an Stränden, in Dörfern oder Vierteln organisieren, die Kippe im Sessellift in einer mitgebrachten Dose entsorgen, anderen mit gutem Beispiel vorangehen und ganz selbstverständlich ihren Hundekot wegräumen - solange besteht Hoffnung.



