Go West!

Mehr zum Thema:

Meinung Rubrik, USA, Schadenersatz

0 von 5 Sterne
Bewerten mit: 5 Sterne 4 Sterne 3 Sterne 2 Sterne 1 Stern
0

Eine neue Geldquelle schreit geradezu danach, angezapft zu werden. Ein neuer Grund, die USA aufzusuchen, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, auf in den Westen, in das Paradies für Schadenersatzklagen aller Art. Der Dollar steht günstig, zumindest für diese Art Reisen: Zuerst war es Kalifornien mit seinem Goldrausch, dann das Silicon Valley mit seinem Internetrausch, jetzt ist es irgendein US Court mit seinem Klagerausch. Eine neue Art von Gastfreundschaft, die eine Abwanderung Richtung Westen erschwinglich macht. Klagen aller Art sind in der neuen Welt immer gerne gesehen, werden nur allzu leicht als zuständig erklärt, und in den einzelnen Fällen bekommt man auch noch mehr Geld, als der Bundesgerichtshof insgesamt jemals zusprechen würde. Klagetourismus für Raffzähne. Wer klagt, will Kohle, und in den USA geht das anscheinend besonders leicht.

Barbara Becker machte es gegen Boris vor und ließ einen deutschen Heiratsvertrag mal eben locker im Regen stehen. Witti strengt Schadenersatzklagen gegen Futtermittelhersteller in den USA an, denn hierzulande gibt es als Ausgleich für schrullige Kühe nur konfuse Konsumenten. Sammelklagen von Zwangsarbeitern der Nationalsozialisten gegen deutsche Firmen in den Staaten lassen deutsche Stiftungen sammeln, aber die Opfer warten. Und für Eschedeopfer gibt es hierzulande Trauerfeiern, in den USA wohlmöglich Bares.

Die vorerst letzte Bombe, die in amerikanischen Gerichten hoch geht, ist die Klage von Holocaust-Überlebenden gegen die amerikanische Regierung selbst. Die Staaten hätten den Holocaust mit zu verantworten, in "passiver Täterschaft", was auch immer das ist. Zwar wird die Zuständigkeit eines Gerichts der Vereinigten Staaten diesmal keiner bezweifeln, aber die Klage selbst macht so viel Sinn wie Ally McBeal in weiten Pluderhosen. Keinen. Aber gerade die importierten Fernsehserien zeigen uns ja, was drüben alles geht. Sinn muss das nicht machen, aber Geld gibt es trotzdem.

Also auf in das Land des unbegrenzten Schadenersatzes. Aus dem Fernsehen weiß jeder, wie man das anpacken muss, immer schön Einspruch rufen und die Gegenseite richtig niedermachen. Wilde Behauptungen rausbrüllen und noch kürzere Röcke tragen als besagte Ally McBeal. Das macht Spass und ist nicht so dröge wie die hässlichen Perücken in England und die steifen Roben in Deutschland. Aber vielleicht klagen die hiesigen Anwälte ja auch nicht des Geldes wegen in den Staaten. Vielleicht ist es ja alles nur der Spaß an der Freud. Einmal im Leben vor Publikum glänzen, vor Publikum, das später auch noch abstimmen darf, im Armani-Zwirn, ohne Robe und mit viel Schauspielkunst. Wie im Fernsehen eben.

Grund zu klagen gibt es ja genug. Zu denken ist an eine Trillionen-Klage gegen Bush, wenn er die Klimaabkommen nicht einhält und die ganze Welt mit Ozon voll pustet. Oder gegen das Drogen-Bekämpfungs-Programm, das illegalen Drogenhandel in den USA florieren und unsere Schulkinder vollbekifft vom Austauschjahr zurückkommen lässt. Und was ist mit dem McChicken, der nach nichts schmeckt?

Auch nicht unterschätzen sollte man die Möglichkeit, durch Klagen made in the US unseren braunen Sumpf loszuwerden. Die ganze Skinheadbande vor irgend so einem District Court in Ohio wegklagen, weil sie amerikanische Baseballschläger benutzen. Für den Missbrauch des amerikanischen Freiheitssymbols bekommen die da drüben garantiert ein paar Jahre Knast und wir ordentlich Schadenersatz , die Sportfirmen hätten ja was tun können. Zwar stimmt die Argumentationskette noch nicht so ganz, aber das merken die Geschworenen ja nicht.

Da sich die Gerichte unserer amerikanischen Freunde für alles und jeden zuständig erklären, könnte man bestimmt auch Schadenersatz wegen des bescheidenen Wetters hierzulande einklagen. Während der Besatzungszeit hätten die Amerikaner viel mehr heimliche Atomtests in Europa machen müssen, dann wäre es hier jetzt auch wärmer. Passive Mittäterschaft, oder wie es da heißt.
Gerne würde ich auch Siemens verklagen, denn das in diesen nervigen Kettenmails versprochene Handy habe ich nie bekommen. Oder AOL für die bahnbrechende Erkenntnis, dass man neuerdings in Emails Fotos mit Ton verschicken kann. Unlauterer Wettbewerb wegen offensichtlicher "Nullinformation". Null neu, null Info. Ach ja, ich vergaß Bill Gates mit seiner bekloppten Fehlermeldung, dass ein unbekannter Fehler aufgetreten ist.

Go West. NOT!

Diskutieren Sie diesen Artikel
Das könnte Sie auch interessieren
Allgemein Trennungsstreit Becker: außergerichtliche Einigung wird angestrebt
Allgemein Entschädigungen für NS-Zwangsarbeiter durch US-Urteil verzögert