Früherer KZ-Wächter Demjanjuk in deutscher Untersuchungshaft
AFP VOM 12.5.2009 | Nachrichten - Allgemein | 1507 Aufrufe Mehr zum Thema:Demjanjuk, Mord
89-Jährigem wird Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen angelastet
Nach langem juristischem Ringen ist der frühere KZ-Wächter John Demjanjuk am Dienstag in Deutschland eingetroffen und in die Münchner Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim gebracht worden. In einem der letzten großen NS-Prozesse soll sich der 89-Jährige in München wegen Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen verantworten. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, forderte einen raschen Prozessbeginn.
Die aus den USA kommende Sondermaschine mit dem 89-Jährigen an Bord landete laut Staatsanwaltschaft am Dienstag gegen 09.15 Uhr in München. Demjanjuk war im Flugzeug von einem Arzt und Pflegern begleitet worden. Die USA hatten Demjanjuk nach Deutschland abgeschoben, weil gegen ihn ein internationaler Haftbefehl des Amtsgericht München besteht. Darin wird dem als Iwan Demjanjuk in der Ukraine geborenen Rentner Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen vorgeworfen. Er soll 1943 für ein halbes Jahr zu den Wachmannschaften im NS-Vernichtungslager Sobibor gehört haben.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft München I wurde Demjanjuk nach seiner Festnahme am Flughafen und seiner Ankunft in der JVA der Haftbefehl eröffnet. Der 89-Jährige wurde auf die Krankenstation des Gefängnisses gebracht. Die Staatsanwaltschaft hat bereits einen ärztlichen Sachverständigen beauftragt, die Verhandlungsfähigkeit Demjanjuks zu prüfen. Sofern er oder seine Verteidiger keine weiteren entlastenden Argumente oder Beweismittel vortragen, wird die Staatsanwaltschaft voraussichtlich binnen weniger Wochen Anklage erheben.
Knobloch vforderte, "alles Juristische zu unternehmen, um Demjanjuk schnellstmöglich vor Gericht zu stellen". Die Zentralratspräsidentin erklärte, die Auslieferung des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers habe ein Zeichen gesetzt. "Alle noch lebenden NS-Kriegsverbrecher sollen wissen, dass es für sie keine Gnade geben kann, egal in welchem Alter".
Der Verteidiger von Demjanjuk forderte dessen Freilassung. Es gebe neben den gesundheitlichen Argumenten gegen eine Inhaftierung des 89-Jährigen auch eine Reihe rechtlicher Argumente, sagte Rechtsanwalt Ulrich Busch AFP. So sei Demjanjuk wegen des Vorwurfs, KZ-Wächter im Vernichtungslager Sobibor im damals von Deutschland besetzten Polen gewesen zu sein, bereits in Israel und Polen beschuldigt und beide Male freigesprochen worden. "Keiner darf zweimal für dieselbe Sache vor Gericht gestellt werden", sagte Busch. Sein Mandant bestreite, je in Sobibor gewesen zu sein.
Demjanjuks Familie in den USA hatte bis zuletzt versucht, die Auslieferung zu verhindern und dies mit gesundheitlichen Problemen begründet. Bei einem in letzter Sekunde gestoppten Auslieferungsversuch hatten Bilder Demjanjuk scheinbar schwer krank in einem Rollstuhl gezeigt. In späteren Filmaufnahmen war allerdings zu sehen gewesen, wie der offensichtlich problemlos laufen konnte. Da Demjanjuk wegen der NS-Vorwürfe die US-Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, gilt eine Rückkehr in die USA selbst bei einem Freispruchs als ausgeschlossen.
Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, erklärte, der "lange Arm" der US-Justiz sei im Fall des "schrecklichen Nazi-Verfolgers" erfolgreich gewesen. Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum reagierte erfreut. Der Prozess gegen Demjanjuk werde "wahrscheinlich der letzte Prozess gegen einen Nazi-Kriegsverbrecher" sein, sagte der Gründer des Zentrums, Rabbi Marvin Hier.
Die in Ludwigsburg ansässige Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen rechnet hingegen noch mit ein oder zwei weiteren Prozessen. Es gebe Fälle ähnlicher Art, sagte der Leiter Kurt Schrimm im SWR. Die Beweise im Fall Demjanjuk reichten seiner Ansicht nach für eine Anklage und Verurteilung aus.
12. Mai 2009 - 16.45 Uhr
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