Europa, wohin gehst du?

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Lampedusa: Die Flüchtlingspolitik von Europa ist eine Abkehr von der Menschlichkeit

Da ist sie nun, die Reaktion Europas auf die Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa: Mehr Drohnen, mehr Überwachung, mehr Abschottung. Das Mittelmeer wird künftig zentimetergenau kontrolliert, die Grenzen werden maximal gesichert. Ein humaneres Asylverfahren wird nicht mal angedacht. Ein gerechteres Verteilungssystem, Diskussion über Ursachen und Verantwortung innerhalb Europas? Nein, danke.

"Wir müssen das Leben der Menschen in Afrika verbessern", sagt Innenminister Friedrich. Was genau meint er damit? Maisanbau in Afrika, für deutsche Biogasanlagen? Muss es nicht besser heißen: Wir müssen aufhören, die Menschen in Afrika weiter auszubeuten? Ist es nicht mal an der Zeit, dass die europäischen Lenker und Bürger die Stichworte Kolonialismus, Neokolonialismus, Freihandelsabkommen, Billigimporte, Rohstoffausbeutung, Lebensmittelspekulation, exterritoriales Ackerland - also gepachtete afrikanische Landflächen, die Lebensmittel für Europa produzieren - mal kritisch hinterfragen würden? Was ist mit Waffenexporten, insbesondere auch deutscher Firmen?

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

"Deutschland ist das Land, das am meisten Flüchtlinge in Europa aufnimmt". Auch ein schöner Satz des Innenministers, der im deutschen Bürgertum auf fruchtbaren Boden fällt. Der Satz stimmt auch, absolut gesehen. Setzt man die Asylanträge in Verhältnis zur Einwohnerzahl, dann ist Deutschland europaweit nur Mittelmaß.

Umfragen und Kommentare von Deutschen im Internet ergeben ein ziemlich eindeutiges Bild: Bloß nicht mehr Flüchtlinge! Das ist interessant. Denn gerade in Deutschland weiß man, was es heißt, Kriegsopfer, Flüchtling, Vertriebener und hungrig zu sein. Wir haben es entweder unmittelbar miterlebt, oder wir sind Nachkommen von denen, die Leid verursachten und erlitten - in erster und zweiter Generation. Wenn unsere einzige Konsequenz jetzt höhere Schutzmauern gegen andere Notleidende sind - was genau sagt das über uns aus?

Was sagt es über Deutschland aus, wenn es eine Reform des europäischen Asylrechts konsequent blockiert?

Die Wahrheit ist: Wir leben ohne Herz, unser Mitgefühl reicht maximal bis zu unserem Haustier. Für meinen Hund tue ich alles, aber wehe, Notleidende sollen in unsere schöne Gegend ziehen. Wehe, es wagt jemand, unsere Art zu leben zu hinterfragen. Wehe, es konfrontiert uns jemand direkt mit der Not anderer. Das wollen wir nur auf Hochglanzmagazinen und im Fernsehen sehen. Aber bitte nicht näher kommen.

Die Europäische Union wurde 2012 Friedensnobelpreisträger, für sechs Jahrzehnte Versöhnung, Frieden und Menschenrechte in Europa. Aber unser Planet besteht nicht nur aus Europa - unser Wohlstand erinnert uns täglich daran. Unser Wohlstand ist so nur möglich, weil Afrika ihn trägt.

Lösungen für eine humanere europäische Flüchtlingspolitik wären nicht besonders schwer. Fruchtbare Vorschläge für Reformen gibt es bereits. Mehr Flüchtlinge auch in Deutschland aufzunehmen ist zumutbar und geboten. Lösungen für die Ursachenbekämpfung in Afrika zu finden ist da schon schwieriger. Insbesondere muss dafür hier vor Ort ein Umdenken stattfinden.

Unser Planet ist rund. Aber Klimaveränderung, Fukushima, Finanzkrise, Flüchtlingkatastrophen - all das reicht anscheinend immer noch nicht, um zu begreifen, dass wir hier alle im selben Boot sitzen.

Europa heißt übersetzt übrigens: „die [Frau] mit der weiten Sicht“.

Leserkommentare
von tierschützerin am 17.10.2013 19:59:07# 1
Danke für diesen Artikel, der die Problematik sehr gut auf den Punkt gebracht hat.
Es wird mir übel, wenn ich das scheinheilige Betroffenheitsgetue mitansehen muß. Das kostet nichts und kommt immer gut an. Wenn es aber darum geht, den Worten Taten folgen zu lassen, dann haben wir es plötzlich ''nicht mehr so gemeint'', oder?
Ich hoffe, daß unser Innenminister, der mich in dieser Sache am meisten enttäuscht hat, demnächst ausgewechselt wird. Der Begriff ''Fremdschämen'' ist in diesem Zusammenhang noch viel zu kurz gegriffen, wenn ich mir vergegenwärtige, was er da so alles von sich gegeben hat.
Andererseits frage ich mich, ob meine Spenden an die UNO-Flüchtlingshilfe tatsächlich so wenig bewirken...
    
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