Erbe geworden – wie geht’s weiter?

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Erbrecht Rubrik, Erbe, Erbschaft, Testament, Erbfolge

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Annahme / Ausschlagung der Erbschaft

  1. Annahme der Erbschaft (durch schlüssiges Handeln)

    Der Nachlass, d. h. sämtliche Vermögensgegenstände und Verbindlichkeiten, geht mit dem Tod automatisch auf den Erben über. Eine ausdrückliche Annahme der Erbschaft muss der Erbe nicht erklären. Die Erbschaft gilt vielmehr als angenommen, wenn der Erbe nicht innerhalb der gesetzlichen Frist die Ausschlagung der Erbschaft erklärt hat. Wer sich jedoch noch nicht sicher ist, ob er die Erbschaft ausschlagen oder tatsächlich annehmen will, sollte sehr bedacht Handeln, da die Erbschaft auch durch schlüssiges Verhalten angenommen werden kann. Wer zum Beispiel Teile der Erbschaft verkauft, einen Antrag auf Erteilung eines Erbscheins stellt, erhebliche Veränderungen im Betrieb oder Geschäft des Erblassers vornimmt, erklärt dadurch die Annahme der Erbschaft. Nicht jede Besorgung erbschaftlicher Geschäfte ist jedoch als Annahme der Erbschaft anzusehen. Reine Fürsorgehandlungen, z.B. Verkauf und Veräußerung verderblicher Sachen, Antrag auf Nachlassverwaltung oder Nachlassinsolvenz, oder eine einstweilige Weiterführung eines Betriebs oder eines Geschäfts sind nicht als Annahme aufzufassen. Die Abgrenzung kann im Einzelfall sehr schwierig sein.

  2. Ausschlagung der Erbschaft

    Wenn alle Verpflichtungen des Erblassers zusammengenommen höher sind als die den Erben zufallenden Vermögenswerte oder wenn man dies jedenfalls für möglich halten muss, wird jeder Erbe zu überlegen haben, ob er die Erbschaft nicht besser ausschlagen sollte. Wer das tut, erhält zwar die Vermögenswerte des Nachlasses nicht, wird aber auch nicht mit Schulden belastet.

  3. Form der Ausschlagung

    Für die Ausschlagung der Erbschaft gilt eine strenge Form. Die Erklärung muss entweder persönlich beim Nachlassgericht zu Protokoll gegeben oder in öffentlich beglaubigter Form beim Nachlassgericht eingereicht werden. Ein bloßer Brief an das Nachlassgericht genügt also keinesfalls. Wenn der Erbe das Nachlassgericht nicht selbst aufsuchen will oder kann, so muss er die Ausschlagungserklärung bei einem Notar beglaubigen lassen und dafür Sorge tragen, dass sie noch innerhalb der Frist beim Nachlassgericht eingeht.

  4. Ausschlagungsfrist

    Die regelmäßige Ausschlagungsfrist beträgt sechs Wochen. Diese sechswöchige Frist beginnt mit dem Zeitpunkt, in dem der Erbe vom Anfall und dem Grund der Berufung zum Erben Kenntnis erlangt hat. Das ist in aller Regel immer der Zeitpunkt, in dem der Erbe weiß, dass er Erbe geworden ist.
    Wenn der Erblasser seinen letzten Wohnsitz nur im Ausland gehabt hat oder wenn sich der Erbe bei dem Beginn der Frist im Ausland aufhält, beträgt die Frist sechs Monate.

  5. Wirkung der Ausschlagung

    Die Ausschlagung der Erbschaft hat die Wirkung, dass der nächste Erbe gemäß dem Testament oder der gesetzlichen Erbfolge einrückt. Zur Verdeutlichung ein kleines Beispiel:

    Der Erblasser hat eine Tochter und einen Enkelsohn. Im Testament hat er seinen Onkel als Erben bestimmt. Da der Nachlass erheblich überschuldet ist, schlägt der Onkel die Erbschaft aus. Nun ist kein Testamenterbe mehr vorhanden und es greift die gesetzliche Erbfolge, so dass die Tochter Erbin geworden ist. Ihre Frist zur Ausschlagung beginnt erst dann, wenn der Onkel als Erbe ausgeschlagen hat und sie davon erfährt. Schlägt sie ebenfalls die Erbschaft aus, so wird der Enkel Erbe. Der kann nun ebenfalls innerhalb der neu begonnenen sechswöchigen Frist die Erbschaft ausschlagen. Erst wenn alle Erben ausgeschlagen haben, erbt zum Schluss der Fiskus - und der kann nicht ausschlagen.

  6. Anfechtungen von Ausschlagung und Annahme

    Die Zeit, in der man sich entscheiden muss, ob man die Erbschaft annimmt oder ausschlägt, ist mit sechs Wochen sehr kurz bemessen. In dieser turbulenten Zeit können Fehler und Irrtümer auftreten. Eine einmal getroffene Entscheidung kann zwar nicht widerrufen werden, den Erben ist es jedoch möglich, die Annahme oder Ausschlagung sowie das Versäumen der Ausschlagungsfrist wegen widerrechtlicher Drohung und arglistiger Täuschung sowie wegen Irrtums anzufechten.

    Größte praktische Bedeutung hat hier die Anfechtungen auf Grund eines Irrtums über die vorhandenen Aktiva und Passiva im Nachlass. Nimmt der Erbe irrtümlich an, das höhere Vermögenswerte vorhanden sind oder geringere Schulden, dann kann er, wenn dieser Irrtum ursächlich für die Entscheidung zur Annahme oder Ausschlagung war, seine Entscheidung anfechten und damit rückgängig machen.
    Für die Anfechtungen gilt wiederum eine Frist von sechs Wochen bzw. sechs Monaten. Sie ist gegenüber dem Nachlassgericht oder einem Notar zu erklären.

  7. Ausschlagung der Erbschaft durch Ehegatten

    Unter bestimmten Umständen kann es für den Ehegatten sinnvoll sein, das Erbe auszuschlagen. Bei der im Regelfall bestehenden Zugewinngemeinschaft zwischen den Ehepartnern hat der überlebende Ehepartner die Wahl zwischen der so genannten „erbrechtlichen Lösung“ und der „güterrechtlichen Lösung“. Bei der erbrechtlichen Lösung tritt der Ehepartnern sein Erbe an und wird Miterbe zu ¼. Die Quote erhöht sich pauschal um ein weiteres ¼ auf ½ als Ausgleich für den Zugewinn.
    Bei der güterrechtlichen Lösung schlägt der überlebende Ehepartner das Erbe aus. Er hat dann einmal einen Zugewinnausgleichsanspruch gegen die Erben in Höhe der Hälfte des Überschusses und zusätzlich einen Pflichtteilsanspruch.
    Diese Variante kann für den Ehepartner bei einem hohen Zugewinn von Vorteil sein. Der Entscheidung, ob der überlebende Ehegatte ausschlagen sollte oder nicht, muss jedoch eine umfangreiche Interessenabwägung vorausgehen, die nicht ohne Rücksprache mit einem Anwalt getroffen werden sollte.

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    Seiten in diesem Artikel:
    Seite  1:  Erbe geworden – wie geht’s weiter?
    Seite  2:  Sterbefallanzeige
    Seite  3:  Ist ein Testament vorhanden?
    Seite  4:  Nachweis der Erbfolge
    Seite  5:  Annahme / Ausschlagung der Erbschaft
    Seite  6:  Erbenhaftung
    Seite  7:  Erbauseinandersetzung