Ein Mann, ein Wort

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Meinung Rubrik, Ehrenwort, Wort, Manneswort, Handschlag, Vertrauen, Vertrag, Versprechen, ehrbarer Kaufmann

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Die öffentliche Lüge ist gesellschaftsfähig. Wo sind die ehrbaren Ritter geblieben?

Im Mittelalter konnte man einem gefangenen Ritter freies Geleit versprechen und ihm eine Aufgabe anvertrauen, die dieser übernehmen sollte. Bei Erfüllung der Aufgabe war der Ritter danach frei - schaffte er es nicht, musste der Ritter sich wieder freiwillig in Gefangenschaft begeben. Verrückt, muss man heute denken. Sobald der Ritter freies Geleit bekommt, ist er doch über alle Berge. Aber Mitnichten: Damals galt das Wort noch etwas: ein Mann, ein Wort - ein "Manneswort".

Ritter sind mittlerweile ausgestorben. Damit auch das Ehrenwort? Doch laut Schiller war das Manneswort standesübergreifend:

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"
"Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne uns? Und unser Stand ist älter als der eure." (Wilhelm Tell)

Drauf gespuckt und besiegelt. Und tatsächlich, Schiller hat recht: Der Handschlag oder das gesprochene Wort sind auch heute noch gültige Formen des Vertragsschlusses, ob bei Bauern oder sonstwem. Arbeitsvertrag, Mietsvertrag, Kaufvertrag - die mündliche Vereinbarung gilt bei fast allen möglichen Arten von Verträgen.

"Der ehrbare Kaufmann steht zu seinem Wort, sein Handschlag gilt". Dieses Leitbild des ehrbaren Kaufmanns stammt aus dem 16. Jahrhundert, Vorbild Italien und Hanse: Ein ehrbarer Kaufmann steht für Vertrauen, Verlässlichkeit, Fairness, Redlichkeit und Handschlag.

Kurz: Der ehrbare Kaufmann steht ritterlich zu seinem Wort.

Unehrenhafte Kaufmänner gab es aber auch damals schon. Und so schlägt heute ein Anwalt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er von mündlichen Verträgen per Handschlag ohne Dokumentation und Beweissicherung hört. Um Himmels Willen, was ist mit Garantien, Vertragsstrafen, Pflichtenheft?

Das Problem ist dann immer die Beweisbarkeit, wirft der Jurist ein. Und natürlich hat er gute Gründe für seinen Einwand. Zu oft kann sich der Vertragspartner nicht mehr erinnern, zu oft werden Versprechen nicht erfüllt, zu oft wird dreist gelogen. "Das habe ich nie gesagt". "Das ist die Wahrheit, so wahr ich hier sitze."

Trotzdem ist der Handschlag und der mündliche Vertrag nicht totzukriegen. Kaufmänner, Bauern, Programmierer oder andere Berufe: Viele vertrauen auf das persönliche Versprechen anstatt auf ein unpersönliches Vertragswerk, auf den Augenkontakt, auf den Handschlag, auf eine nickende Zustimmung. Auf den Menschen gegenüber. Und oft klappt das tatsächlich auch. Geht etwas schief, wurde etwas übersehen, wurde über etwas nicht besprochen, dann regelt man das nachträglich im gegenseitigen Einvernehmen.

Unter Ehrenmännern und Ehrenfrauen eben.

In der Öffentlichkeit, in den Medien, sieht man diese Ehrenmänner und -frauen leider nicht. Oder welchen Worten von Managern von Großkonzernen oder Banken vertrauen Sie so? Auch Bankmanager sind Kaufmänner.

Ob Kaufmänner oder nicht: In unserer medialen Gesellschaft regieren schamlose Lügen und leere Worte. Von Christoph Daum über Erich Zabel zu Lance Armstrong, von Karl-Theodor zu Guttenberg über Christian Wulff zur alternativlosen Angela Merkel. In diesem Neuland der medialen Welt sind auch einst gefeierte Friedensnobelpreisträger nicht vor leeren Versprechen gefeit:

Obama hatte in seinem "Übergangsprogramm 2008" konstatiert: Whistleblowing könne Leben retten und spare dem Steuerzahler oft viele Dollars. Whistleblower sollten in ihrem Tun "ermutigt, anstatt erstickt" werden.

Gesagt, nicht getan. Im Gegenteil. Unter Obama werden Whistleblower gnadenloser gejagt als unter jedem Präsidenten davor.

Sind Wahlprogramme, Pressekonferenzen, Interviews und Statements mit dem Ehrenwort, dem "Manneswort", dem Vertragsschluss vergleichbar? Natürlich nicht. Aber dennoch sind es Worte, bei denen der Adressat eigentlich auf hanseatische Ehrbarkeit vertrauen dürfte - "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe" - es heutzutage aber keinesfalls mehr kann.

Es wird geplappert wie nie zuvor, in sozialen Netzwerken, am Telefon, in den Medien, wir reden auf allen Kanälen, tragen uns in Online Petitionen ein, versprechen viel und halten wenig. Die Lüge, insbesondere auch die öffentliche, ist gesellschaftsfähig. Und die Gesellschaft trägt das mit. Statt Ächtung gibt es Millionenboni, Staatsgelder, Buchverträge, Wiederwahl und Bestätigung im Amt.

Gerade in der heutigen Zeit sollte der Hanse-Kodex nicht als veraltete, irreale Gutmenschen-Vorstellung angesehen, sondern vermehrt wieder von Unternehmen, Einzelpersonen und ja, gerade auch Politikern vorgelebt werden. Wir brauchen diese ehrbaren Menschen, diese Felsen in der Brandung. Wir müssen dem gesprochenem Wort wieder mehr Gewicht geben und von VerantWORTung nicht nur reden, sondern dieser auch Taten folgen lassen.

Was bedeutet es noch, das gesprochene Wort? Einigen wackeren Rittern und Hanseaten, Frauen und Männern der heutigen Zeit noch sehr viel, auch wenn sie oft unter dem Radar der Öffentlichkeit fliegen. Wir sollten sie nicht belächeln und als dumme Romantiker aburteilen. Wir sollten es ihnen gleichtun.

Leserkommentare
von geprellt95 am 09.08.2013 17:39:05# 1
Wie kann es in einem Rechtsstaat, wie sich unsere Bundesrepublik nennt, sein, dass sogar Richter und Rechtsanwälte schamlos belogen und betrogen werden? Ganz einfach - durch eine Lügner- und Betrügerkultur. Wir haben ein Jahrhundert der Lügner und Betrüger - und das schon seit langer, langer Zeit - mit Hitler wurde es gesellschaftsfähig. Nach dem Krieg war es üblich - alle wußten hinterher nichts von den Gräueln und alle wuschen die Hände in Unschuld - sogar die Juristen, die vorher mithielten. Wenn die Großen schon so schamlos lügen und betrügen können, weshalb sollten es nicht auch die Kleinen versuchen dürfen? Aber so war es ja schon immer - die Großen machen es vor, haben einen wieferen Rechtsanwalt - der übrigens auch für Geld und Ehre alles möglich macht - und schon "flutscht ''s". Sogar Ärztegutachten, Richter, psychologische Gutachter und so weiter - alles, alles, alles ist käuflich, wenn es denn genug Geld dafür gibt - oder manchmal auch bessere Beziehungen...
    
von geprellt95 am 11.08.2013 11:48:44# 2
Unser "Rechtsstaat" ist schon längst zu einem Wirtschaftszweig verkommen - viele Wirtschaftszweige gibt''s ja nicht mehr in der "B......republik". (Mich würde mal interessieren, wieviel Millionen Euro die Justiz jährlich dem Finanzministerium an Einnahmen bringt, aufgrund von Bußgeldern usw).
Das beste Beispiel ist der Fall Gustl Mollath. Dazu gibt es auch nähere Infos auf gustl-mollath.de. Der Fall war nämlich sogar beim zuständigen Oberlandesgericht zur Revision, d. h. hier wurden eigentlich nochmal alle Unterlagen in den Akten auf Verfahrensfehler geprüft. Jedoch hat man anscheinend hier auch nicht allzu genau auf diese Dokumente geachtet, sonst wäre ja das unechte Dokument spätestens hier aufgefallen. Was sonst noch alles schief lief, kann man eventuell bald nicht mehr im Internet verfolgen, es ist ja wieder ein Verfahren anhängig - am interessantesten fände ich die über hundertseitige Verteidigungsschrift von Gustl Mollath, die muss nun ja auch nochmal in das neue Verfahren einfließen, darf also nicht zu öffentlich gemacht werden, da könnte sich ja jeder "ein Urteil drüber bilden"... Übrigens soll auch der Betreuer von Gustl Mollath kein Vermögensverzeichnis aufgestellt haben nach der Einweisung in die Psychiatrie, was eigentlich dessen Pflicht gewesen wäre - und die Rechtspfleger für die Betreuungssachen haben es auch wieder nicht seltsam gefunden, dass der Mann plötzlich völlig arm war... welch ein Zufall!).
Aber - das deckt sich eigentlich nur mit meinen persönlichen und praktischen Erfahrungen bei der Justiz und mit Rechtsanwälten - die sind "überlastet" oder wollen keine "schmutzige Wäsche" waschen, die "Beweislage ist unzureichend" oder oder oder (Ausreden für Untätigkeit finden sich immer, wenn man sie nur eifrig genug sucht). Dann würde Otto Normalverbraucher denken, die Einkommen im Rechtsbereich sind nicht gerade peanuts und ziehen entsprechende Bemühungen nach sich und die Justiz soll ja eigentlich durch genügend finanziellen Rückhalt unabhängig sein... Otto Normalverbraucher meint heute immer noch, dass gute Gehälter auch eine gute Arbeitsmoral nach sich ziehen - wie naiv... siehe "Ob Kaufmänner oder nicht: In unserer medialen Gesellschaft regieren schamlose Lügen und leere Worte." (Aber auch die Finanzämter - siehe Fall Schmenger und viele weitere zwangsverrenteten Finanzbeamte - geraten immer wieder in die Bredouille und die Öffentlichkeit, weshalb sollte es der Justiz anders ergehen?)
Offen gesagt: unsere Juristen (Rechtsanwälte, Staatsanwälte, Richter usw.) treffen sich monatlich beim "Juristenstammtisch", vielleicht auch Frau Dr. Merk, Frau Zypries, Frau Leutheuser-Schnarrenberger usw.). Was bei so einem Stammtisch Thema sein könnte, überlasse ich der Fantasie des Einzelnen.... Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt - siehe Fall Mollath, der sicherlich nur die Spitze eines Eisberges ist. Witzig und aufschlussreich sind auch die Erklärungen von Erwin Pelzig zum Fall Mollath auf youtube.... wer darüber noch lachen kann... wenn die "Paranoia F 33.3" gar zu schlimm wird, kann man sich ja auch freiwillig in eine Bezirksklinik einweisen und sich mit Psychopharmaka vollpumpen lassen - ganz legal und ohne Zwang...
    
von g.i.l.d.a@gmx.de am 15.08.2013 15:53:10# 3
Ein wichtiges Thema: "Lügen" - ich schließe mich meinen Vorschreibern an.
Lügen ist eine Mode, da es als geschickte Taktik bewertet wird. Der Zeitgeist ist so geworden, dass es als Gerissenheit und Kleverness gilt, wenn man Kunden, Geschäftspartner... eigentlich alle, von denen man einen Nutzen erwarten kann, belügt. Die Werbebranche macht es vor, man sieht es aber nicht als Lüge, lediglich als Übertreibung. Der Wahlkampf der Parteien ist damit gleichzusetzen.
Doch am perfidesten ist die Lüge, die so geschickt ist, die schon auf verbogenen Wahrheiten aufbaut. Da wird mit Unterstellungen gefragt, dass man keine Chance hat, die ehrliche Aussage zu erkennen. So sieht man es täglich bei vielen Zeitungen.
Und wer ohne Gewissen ist, wird erkennen, wie leicht Lügen ist. Es kostet nicht einmal Kraft, man kann einfach etwas sagen, was einem einfällt. 2-3 Mal über einen Menschen gelogen zu haben, da ist kaum noch aufzuholen, was da an Ruf geschädigt wurde. Der Mutterboden allen Mobbings ist der Beginn des Lügens als Muster, geschickt gestreut, nimmt das einen eigenen Lauf an, den man nur noch beobachten braucht...
Ich dachte mal, aus meinem Mund kommt so ein starrsinniger Satz nicht.
Aber ich glaube fast nichts mehr. Auch keinem Mann ;-)
    
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