Die neue Weltordnung

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April, April?

Was für ein herrlicher Tag. Die Sonne scheint mir durch das Fenster ins Gesicht und weckt mich aus meinem wohlverdienten Schlaf. Langsam verlasse ich die angsteinflößende Traumwelt von kalten, warmen und heiligen Kriegen, Bündnissen, Ost, West und einem ominösen Nahen Osten. Aus der abstoßenden Schattenwelt der Nationalstaaten, Völker- und Religionsgemeinschaften entgleite ich in die Realität. In die neue Weltordnung, in die Sicherheit.

Draußen wehen Sterne und Streifen sanft im Wind, daneben erinnert die Fahne des brennenden Dornenbusches an die unfehlbare Macht unseres wahren Gottes. Eine am gegenüberliegenden Fachwerkhaus installierte Kamera entdeckt meine Bewegungen am Fenster und schwenkt herum, zoomt heran, nimmt mich in den Fokus. Ich lächele, salutiere, und wende mich ab. Ich fühle mich sicher, denn sie passen auf mich auf.

Der Fernseher geht von selbst an, als ich mit meiner Schüssel Corn Flakes das Wohnzimmer betrete. Eine persönliche Nachricht erscheint auf dem Bildschirm: Meine Versicherung bemängelt meine Blutwerte von letzter Woche und kündigt mir bei Wiederholung gutgemeinte Konsequenzen an: Höflichst werde ich aufgefordert, besser auf mich zu achten, da sonst mein Versicherungsschutz gefährdet sei. Ich nehme mir vor, meiner Gesundheit und meinem Wohl mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Eine weitere Nachricht ist von der Behörde für Volksschutz. Ich solle schnellstmöglich vorsprechen, um mich für ein Buch zu rechtfertigen, das ich gestern gekauft habe. Man wolle aufgrund des Buchtitels sichergehen, dass ich keine subversiven Tendenzen habe. Das ist jetzt schon das dritte Mal in diesem Monat. Aber mir ist es egal, habe ich doch nichts zu befürchten. Ich bin ein Patriot. Sie machen das ja nur vorsichtshalber. Ich bin froh, dass Sie meine Gesinnung überprüfen. Wer weiß, wie viele Terroristen hier sonst ihr Unwesen treiben würden.

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Die Strahlungswerte sind heute laut Nachrichtensprecher wieder gering. Veranlassung, die Schutzräume zu betreten, bestehe derzeit nicht. Die Wetterlage halte die Wolke im Osten anscheinend noch gefangen. Insgesamt brauche man sich aber keine Sorgen zu machen, Gefahr bestehe generell nicht. Im nächsten Beitrag erinnert der Sprecher an die wöchentliche Gesundheitsuntersuchung für Arbeiter. Zum Schluss dankt der Sprecher Gott. Das erinnert mich daran, heute unbedingt den abendlichen Gottesdienst nicht zu vergessen. Zwei Tage hintereinander fehlen würde den Verdacht der Ungläubigkeit auf mich lenken. Ungläubigkeit ist gegen die Sicherheit.

In der Zeitung wird von meiner heilen Welt berichtet. Keine Kriege, kein Terror, dank der großartigen neuen Weltordnung. Die ehemals arabischen Länder (wo auch immer die lagen) sind jetzt friedliebende Demokratien, und wo einst ein Land namens Korea war, klafft ein großes Loch. Moslems, Ungläubige, wurden ausgewiesen und leben nunmehr zufrieden zusammen irgendwo in Afrika. Der Ölpreis ist statisch und pendelt nicht mehr wie ein Jojo hin und her, wie es früher wohl der Fall gewesen ist. Diese wunderbaren Entwicklungen erfährt man von den Medien. Es ist schön, in so einer sicheren Welt zu leben.

Neulich war bei mir ein alter Freund von früher zu Besuch. Er berichtete, dass in Wahrheit gar kein Frieden herrsche, und von Demokratie könne keine Rede sein. Überall werde gekämpft und Terror sei allgegenwärtig. Er selbst sei dagewesen und hätte es mit eigenen Augen gesehen. Mein Freund berichtete weiter, dass er auf der Flucht vor der Weltsicherheitsbehörde sei. Ich tat sein Gefasel als Schwätzerei ab und lieferte ihn eben dieser Behörde aus. Was für ein fehlgeleiteter, armer Irrer. So ein unpatriotisches Mundwerk gehörte umgeschult. Wenn ich es mir recht überlege, war er früher auch immer schon komisch gewesen. Mir geht es ja nur um Frieden und Sicherheit in der Welt.

Beim Verlassen meiner Wohnung wird mir mein täglicher Bluttest vom Sicherheitsbeamten abgenommen. Diese Woche wird die Versicherung an meinen Werten sicher nichts auszusetzen haben, ich habe aufgepasst. Der Beamte kontrolliert außerdem routinemäßig meine Wohnung, sucht nach verdächtigen Dingen. Natürlich findet er nichts, wie immer. Ich bin ein guter, ein gläubiger Mensch. Ich liebe meine Freiheit und würde daher nie etwas tun, was die Sicherheit gefährdet.

Guter Dinge verlasse ich das Haus. Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich, wie einige Menschen verhaftet und mit Lastwagen abtransportiert werden. Schön, denke ich, das dient der eigenen Sicherheit. Ich reihe mich in die langsam dahin ziehenden Schlangen der Menschen ein, die zur Arbeit gehen. An der nächsten Kreuzung ist eine Kontrolle. Der Soldat fordert mich auf, meinen Daumen auf ein Lesegerät zu legen, gleichzeitig analysiert er ein Kopfhaar von mir. Das Lesegerät springt sofort an und blinkt gefährlich rot. "Ausreihen," herrscht mich der Soldat mit entsicherter Waffe im Anschlag an. "Sie werden wegen Verdachts terroristischer Aktivitäten gesucht!" Schön, denke ich. Sie werden ihre Gründe haben. Solange es der Sicherheit und dem Weltfrieden dient. Es ist gut, dass man in dieser neuen Weltordnung auf mich aufpasst.