Die goldene Regel

Mehr zum Thema:

Meinung Rubrik, Goldene, Regel, Karma

0 von 5 Sterne
Bewerten mit: 5 Sterne 4 Sterne 3 Sterne 2 Sterne 1 Stern
0

Auf der Suche nach dem Universalgesetz

Nicht erst angesichts unzähliger Gerichtsshows im Fernsehen wissen wir: Jede Menge Gesetze regeln unser Dasein. Es gibt Gesetzesbücher für dieses, andere für jenes, tu dies nicht, unterlass das. Außerdem schwirren dazwischen zusätzlich noch so schwer zugängliche Rechtsprinzipien wie etwa das Abstraktionsprinzip herum, selbst von Juristen kaum verstanden. Wie soll in diesem Dschungel erst der juristisch ungeschulte Bürger durchblicken? Keine Chance.

Was darf man eigentlich, was nicht? Kaum einer weiß es. Muss das sein, so eine Regelungswut? Geht das nicht irgendwie anders? Benötigen wir unbedingt diese schweren, roten, unglaublich dicken Gesetzesbücher, für die es mittlerweile sogar eigene Tischständer, Halterungen und Tragetaschen gibt? Sind ein Landpachtverkehrsgesetz oder ein Bundespersonalvertretungsgesetz wirklich notwendig?

Besser wäre doch ein Gesetz, eines nur, ein einziges Verhaltensprinzip, das auf alles passt und nie mehr abgeändert werden muss. Eines, das sich auch jeder merken kann und ohne Kommentare und Erläuterungen verständlich ist. Wir brauchen ein Universalgesetz!

Auf der Suche nach einer allumfassenden Regelung stößt man unweigerlich auf einen Verhaltenskodex, der eigentlich in allen Sprachen der Welt, in allen Kulturkreisen, in allen Religionen und esoterischen Variationen sein Pendant hat. Von A bis O, von Laotse bis zum Jesuskind, lautet dieser schöne Satz auf deutsch ungefähr:

Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Klingt ja eigentlich sehr sinnig. Gehe so mit deinen Mitmenschen um, wie Du es von ihnen erwartest. Lächle, und man lächelt zurück, sei freundlich und zuvorkommend, und die Welt ist freundlich zu dir. Wer störrisch, engstirnig und selbstherrlich ist, dem wird Gleiches zurückgezahlt. Stiehl nur etwas, wenn es dir nichts ausmacht, von anderen bestohlen zu werden.

Wie es in den Wald schallt, so hallt es hinaus. Einfach zu merken - einfach zu befolgen? In unserer Realität, das merkt man schnell, wird das Universalgesetz ungefähr so eingehalten wie Wahlversprechen: gar nicht. In einer Welt, in der der eigene Vorteil, Status, Geld und Berühmtheit selbständige Gottheiten geworden sind, wird unser schönes Universalprinzip so oft gebrochen wie das sprichwörtliche Brot. "Ich, ich, ich" ertönt es aus allen Ecken. Mein Haus, mein Pool, mein Standpunkt, meine Weltanschauung. Andere werden erst dann interessant, wenn es um die Abwälzung von Schuld und Verantwortung geht. Er war´s!

Gesetze sind anscheinend da, gebrochen zu werden, und unser Universalgesetz macht da keine Ausnahme. Natürlich will niemand, dass ihm selbst etwas geklaut wird, aber der Straftatbestand Diebstahl erfreut sich trotzdem einer ungebremsten Beliebtheit. Jeder ist sich selbst der nächste.

Und wer sorgt eigentlich dafür, dass das Universalgesetz auch "umgesetzt" wird? Ein Gesetz ohne wirksame Exekutive ist wie Fußball ohne Ball: völlig unsinnig. Und hier zeigt sich der entscheidende Vorteil des Universalgesetzes, im Vergleich zu unseren Tausenden Paragrafen, die in roten Gesetzesbüchern zu finden sind. Denn das Universalgesetz braucht keine Gewaltenteilung, es bringt die Exekutive gleich mit. Das Universalgesetz braucht niemanden, der sich darum kümmert. Wir ernten die Früchte, die wir säen, ganz ohne Polizei, ohne Staatsanwaltschaft.

Ach, ihr glaubt nicht, dass das Universalgesetz funktioniert? Ihr glaubt nicht daran, dass einem mit gleicher Münze zurück gezahlt wird? Unsere Taten verpuffen einfach unbemerkt im Nichts? Ihr glaubt, der Ehrliche ist der Dumme? Eine irgendwie geartete Instanz, einen Logarithmus, der das Universalgesetz durchsetzt, gibt es nicht? Wer sollte das auch sein? Gott etwa? Das Universum?

Ihr Narren! Die Wege des Universalgesetzes sind unergründlich, und natürlich wirkt es nicht so offensichtlich, so adhoc. Vielmehr arbeitet unser Universum tatsächlich so ähnlich wie ein Computer. Alles, das wir "eingeben", wird verarbeitet und irgendwann an uns wieder ausgegeben. Das ist wie mit dem Ladebalken unter Windows: Keiner weiß, wann das Programm endlich fertig ist. Aber tatsächlich wird jede Tat registriert und jede Straftat irgendwann mit einer ähnlichen Straftat vergolten. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so läuft das, im großen Spiel des Lebens. Das Universalprinzip ist wirksam, im Hintergrund, so unauffällig, dass es kaum einer merkt. Es wirkt einfach mit einer gewissen Zeitverzögerung, so dass dem Betroffenen die Kausalität nicht sofort offenbart wird.

Also, denkt daran, vor eurem nächsten mal "ich, ich, ich!": Das Universum wirkt wie ein Computer, wie so eine abgehalfterte gebrauchte Schlense von der PC-Kaschemme nebenan, und es läuft mit einem lahmen Prozessor. Oder einem 56k Modem. Aber im Gegensatz zu unseren Computern gibt es weder Software- noch Anwender-Benutzer-Fehler. Die große Festplatte des Universums nämlich vergisst nichts, der Prozessor stürzt nicht ab, und das Programm kann nicht gehackt werden. Irgendwann kommt alles zu einem zurück. Und es waren dann nicht "die anderen". Nein, ihr habt es euch und nur euch zuzuschreiben. Ich glaube ganz fest daran. Auch ohne dicke Gesetzesbücher.

Also immer schön das Universalgesetz im Hinterkopf beachten, bevor ihr das nächste mal etwas sagt oder tut. Und wer anderer Meinung ist, kann ja getrost weiter "ich, ich, ich" schreien, denken und leben. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt. Spätestens beim nächsten Neustart.