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Die Servicewüste lebt
Seite 1 - jtm vom 15.06.2004

Die Servicewüste lebt

All we need is Ladenschluss

Shoppen bis spät in die Nacht bleibt wohl vorerst nur ein Traum. Das Bundesverfassungsgericht reichte den Schwarzen Peter der Entscheidung über die Ladenöffnungszeiten an die Länder weiter, erklärte aber gleichzeitig den Sonntag als unantastbar. Damit zerschlugen sich die Bestrebungen des klagenden Kaufhof-Konzerns, den Kunden auch an Sonn- und Feiertagen in die heiligen Hallen des Konsums zu locken. Galeria muss nun auf das Wohlwollen der Länder und den Vorschub ihres Verbündeten Wolfgang Clement hoffen, die bereits prinzipielles Interesse signalisiert haben. Die Hoffnung auf ein gesteigertes Kundenaufkommen durch längere Öffnungszeiten wird vertagt.

Wo Shopping-Jünger ihre Felle davonschwimmen sehen, atmet Verdi auf. Die Dienstleistungsgewerkschaft folgt einer klaren Richtlinie: Arbeitnehmerschutz geht eindeutig vor den wirtschaftlichen Interessen der Großunternehmen. Die Belange der Arbeitnehmer dürften nicht zur Disposition gestellt werden, indem man sie wackeligen Konjunkturprognosen opfert.

Zwar versichert der Einzelhandel, dass es keine längeren Arbeitszeiten für seine Angestellten geben wird, verspricht aber gleichzeitig auch keine Neueinstellungen. Die vorhandenen Kräfte würden einfach auf die verlängerten Öffnungszeiten umverteilt und die Reihen der Verkäufer würden sich weiter lichten. Schon jetzt sucht man als Kunde im als Servicewüste verschrieenen Deutschland oft verzweifelt nach einem Verkäufer. Mit diesen verhält es sich mittlerweile wie mit Parkplätzen in der Großstadt: Wenn man unbedingt einen Verkäufer braucht, dann ist das letzte, was man findet, ein Verkäufer.

Und wenn man es schafft, in den von Personal verwaisten Verkaufsräumen jemanden aufzutreiben, fühlt der Mensch sich unter Garantie nicht zuständig. Frei nach der Prämisse „Was stört ist der Kunde“ versteckt sich der gemeine Verkäufer gerne wie ein Skorpion unter einem Stein; die Servicewüste lebt. Wo früher emsige Angestellte beflissen in Reichweite des Kunden verharrten, um auf Wunsch den zweiten Schuh zu holen, stehen nun unpersönliche Schuhkartons in dichtbepackten Regalen. Die Selbstbedienung dominiert den Einzelhandel und bereitet dem „autark agierenden Kunden“ den Weg. Das Prinzip der Discount-Bäckereien, in denen Backwaren dank geringerer Personalkosten zu Dumpinpreisen verhökert werden, ist bezeichnend für den gegenwärtigen Trend.

Doch was verspricht sich Galeria Kaufhof von längeren Ladenöffnungszeiten? In Zeiten des Sozialabbaus und wachsender Arbeitslosigkeit sitzt das Geld nicht mehr locker, die Kaufkraft der Bevölkerung sinkt, und selbst wer Kohle hat, legt sie lieber auf die hohe Kante, anstatt sie mit vollen Händen zu verprassen. Somit werden die Umsätze für die Kaufhäuser nur geringfügig steigen, durch eine Personalumverteilung wird es allerdings kaum Mehrkosten geben.

Sehr wahrscheinlich streckt sich aber auch das Kundenaufkommen auf die verlängerten Öffnungszeiten. Das freut den H&M-Fetichisten, für den sich die Chance vergrößert, ein Zeitfenster zu finden, in dem er sich nicht in die meterlange Schlange vor der Umkleidekabine einreihen muss. Und nach 20 Uhr noch Lebensmittel einkaufen zu gehen, ist auch keine schlechte Option.

Die Geschassten sind wieder die Kleinen. Familienbetriebe können bei längeren Öffnungszeiten nicht in Konkurrenz zu den großen Ketten treten, die dank ihres Personalaufgebots und der Schichtdienste eine höhere Flexibilität bieten können. Damit wird die Zentralisierung des Konsums weitergetrieben und der Tante-Emma-Laden endgültig zur Geschichte gemacht. Die Konzerne greifen dessen Kundenkreis ab und haben letztendlich doch noch ihr erhöhtes Kundenaufkommen.



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Lutz Albrecht, Mannheim
beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Steuerrecht, Steuerstrafrecht.
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