Designierter EZB-Chef Trichet vor Gericht
AFP VOM 6.1.2003 | Nachrichten - Nachrichten | 7183 Aufrufe Mehr zum Thema:EZB, Europäische, Zentralbank, Trichet
- Prozess wegen Bilanzfälschung in Paris begonnen
Der designierte Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, steht in Paris wegen einer Bilanzaffäre vor Gericht. Der 60-jährige Franzose und acht weitere Angeklagte sollen in den 90er Jahren Milliarden-Verluste bei der damaligen Staatsbank Crédit Lyonnais verschleiert haben. Die Bank entkam damals nur knapp der Pleite und musste mit Staatshilfe gerettet werden. Der Prozess soll bis zum 12. Februar dauern. Trichet soll im Juli Nachfolger von EZB-Präsident Wim Duisenberg werden. Dies ist nach einhelliger Meinung nur möglich, wenn er freigesprochen wird.
In dem Verfahren geht es unter anderem um Trichets Arbeit als ehemaliger Chef des Pariser Schatzamtes und Aufseher bei Crédit Lyonnais (CL). Durch Risikogeschäfte waren bei der Bank riesige verdeckte Verluste entstanden; das Institut konnte nur mit rund 15 Milliarden Euro aus Steuermitteln vor dem Zusammenbruch bewahrt werden.
Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft belastet ein neues Gutachten Trichet, der zurzeit Chef der französischen Zentralbank Banque de France ist. Er und die Mitangeklagten sollen mitgewirkt haben, dass das Milliardenloch weder in den CL-Bilanzen der Jahre 1991 und 1992 noch in der Halbjahres-Bilanz 1993 in vollem Umfang auftauchte.
Auf der Anklagebank sitzen mit Trichet Spitzenbeamte und Ex-Manager. Trichet schwieg bislang zu den Vorwürfen. Zuletzt hatte es geheißen, das neue Gutachten drohe den Prozess zu verzögern. Der Niederländer Duisenberg erklärte sich mehrfach vorsorglich bereit, notfalls länger als vorgesehen an der EZB-Spitze zu bleiben. Eigentlich will Duisenberg zu seinem 68. Geburtstag im Juli ausscheiden.
Die einstige Skandalbank Crédit Lyonnais war in den 90er Jahren saniert und 1999 teilprivatisiert worden. In einem Miliarden-Deal trennte sich der Staat vor einigen Wochen von seinen letzten Anteilen. Crédit Lyonnais steht mittlerweile in einer Fusion mit dem genossenschaftlichen Institut Crédit Agricole. Durch den Zusammenschluss soll eine der größten Banken der Euro-Zone entstehen.
6. Januar 2003 - 16.20 Uhr
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