Der Unabhängigkeitskrieg

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Die amerikanische Nation wird geboren

Boston, 16.12.1773: Dunkelheit liegt über dem Hafen. Die Luft ist von schneidender Kälte erfüllt, als sich eine Gruppe von Männern um den späteren zweiten amerikanischen Präsidenten John Adams unter den Augen der erwartungsfreudigen Menge den Schiffen der East India Company nähert. Entschlossen kapern die 60 als Indianer verkleideten Kolonisten die Eleanor, die Dartmouth und die Beaver. Unter den Menschen, die auf dem Kai geblieben sind und das Spektakel beobachten, brandet Jubel auf, als die „Indianer“ Teeballen um Teeballen dem trägen Hafenwasser überantworten.

1763 endete der Siebenjährige Krieg zu Gunsten Englands und seines Verbündeten Preußen. England hatte den Krieg vom Zaun gebrochen, weil ihm Frankreich bei der territorialen Ausdehnung seines Handelsimperiums im Weg gestanden hatte. Schnell war der Krieg auch auf Verbündete Nationen übergesprungen. Frankreich war schlecht vorbereitet und musste zwangsläufig unterliegen: Es hatte seine Überseekolonien vernachlässigt, weil es seine Prioritäten mehr auf innereuropäische Erbfolgequerelen gesetzt hatte. Für das kapitalistisch geprägte England hatte es hingegen absoluten Vorrang, sich die wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt zu sichern.

Die Auseinandersetzung hatte nicht nur auf europäischem Boden stattgefunden, sondern wurde auch in Nordamerika, Indien und zur See ausgetragen. Somit ist es faktisch schon ein Weltkrieg gewesen. Die Siegermächte schlossen 1763 einen Friedensvertrag mit den unterlegenen Nationen Frankreich, Österreich und Russland. Die Niederlage der Franzosen bedingte auch ihren Abzug aus ihren Kolonien in Nordamerika. Ihnen blieb lediglich Lousiana, die Provinz Quebec in Kanada wurde trotz ihrer größtenteils französischen Bevölkerung englisch.

Steuerlast für die Neue Welt

Der Siebenjährige Krieg ist für England trotz des Sieges eine hohe finanzielle Belastung gewesen. Um die hohen Kriegskosten auszugleichen und die Staatskassen aufzustocken, erließ der englische Monarch neue Steuern, die in erster Linie die Bürger in den Kolonien betrafen. Den amerikanischen Kolonisten wurde unter anderem eine Teesteuer auferlegt, die das Getränk zu einem überteuerten Luxusgut machte. Die amerikanische Wirtschaft wurde dahingehend reglementiert, dass keine Produkte hergestellt und ausgeführt werden durften, die in Konkurrenz zu den Erzeugnissen des englischen Mutterlandes treten konnten. Amerikanische Händler durften keinen Überseehandel betreiben. Für die Einfuhr von Verbrauchsgütern erhoben die Engländer hohe Einfuhrzölle. Die Kolonien dienten in erster Linie der Ausbeutung.

Die Kolonisten in der Neuen Welt hatten keine Abgeordneten im englischen Parlament, die für ihre Interessen eintreten konnten, so dass die Amerikaner der englischen Willkür bedingungslos ausgeliefert waren. Damit war das parlamentarische Prinzip „no taxation without reprensentation“ zumindest aus Sicht der Siedler verletzt. Nach englischem Recht durften Steuern nicht ohne die Zustimmung der Volksvertretung erhoben werden. Zwar hatten die Amerikaner eigene Parlamente in den einzelnen Staaten, für wirtschaftliche Fragen war jedoch das Mutterland zuständig. Aus eigenem Interesse wälzten die englischen Parlamentarier die Steuerbelastung natürlich auf die Kolonisten in Übersee ab. Die Bürger der 13 nordamerikanischen Provinzen begehrten dagegen auf, sich von den Engländern schröpfen zu lassen und verlangten nach mehr Souveränität, Handelsfreiheit und Steuersenkungen. Sie bewirkten aber nicht mehr, als dass die englische Krone ihre Truppenpräsenz verstärkte.

Die Amerikaner waren der erdrückenden Teesteuer überdrüssig. Und nicht nur das: Um die angeschlagene East India Company zu konsolidieren, erließ die Krone der Handelsgesellschaft die Einfuhrzölle, so dass sie ihren Tee zu niedrigeren Preisen anbieten konnte. Zwar blieb der Tee dank der Steuer weiterhin ein Luxusgut, nur wurden darüber hinaus die einheimischen Händler durch die vergleichsweisen Dumpingpreise der East India Company aus dem Geschäft gedrängt. Die Amerikaner entschlossenen sich, die englischen Handelswaren zu boykottieren.

„Teegesellschaft“ im Bostoner Hafen

Am 16. Dezember entlädt sich der Unmut der Kolonisten in einer denkwürdigen Protestaktion. Ursprünglich hatte der Gouverneur von Massachusetts geplant, die Teeladung von drei Seglern der Handelsgesellschaft im Rahmen des Boykotts kostenlos unter die Leute zu verteilen. Ein junger Heißsporn namens John Adams kam ihm jedoch am Abend jenen Tages zuvor. Zusammen mit 60 Männern in Indianerkostümen kaperte er die Schiffe und ließ die Ladung in den Hafen schmeißen, um damit ein Zeichen zu setzen. Dieser Vorfall sollte unter dem Namen „Boston Tea Party“ in die Geschichte eingehen und den Ausschlag für den Unabhängigskeitskrieg geben.

Die herausgeforderte englische Regierung löste das Parlament von Massachusetts auf und straffte sein Regime in der Neuen Welt. Weitere Truppen wurden in die Kolonien verlegt. Auch die Amerikaner fingen an, bewaffnete Milizen aufzustellen. Am 18. April 1775 trafen bei Lexington erstmals Engländer und Kolonisten aufeinander. Die Streitmacht der Siedler wurde von einem Abeordneten des Kongress von Virginia, George Washington, angeführt. Ihm stand der preußische Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben zur Seite, der Washingtons Truppen drillte und ihn beriet.

Zwar ging die amerikanische Miliz als Sieger aus der Auseinandersetzung hervor, dennoch stand es schlecht um ihre Kampfkraft. Den Siedlern fehlte es an Waffen, Nachschub und Ausbildung. Ihr Gegner war zahlenmäßig überlegen. Den Kolonisten standen nicht nur die englischen Soldaten und englandtreue Siedler und Indianer gegenüber, sondern auch Truppen aus Hessen und Braunschweig, deren Dienste von ihren Fürsten an die Engländer verschachert worden waren. Siege und Niederlagen wechselten sich für beide Seiten ab. Schlussendlich wurde den Kolonisten jedoch bewusst, dass sie langfristig unterliegen würden. Sie verlegten sich von da an auf eine Guerillataktik, um den Europäern den Nachschub abzuschneiden.

Die Unabhängigkeitserklärung

Am 4. Juli 1776 verabschiedete der Kontinentalkongress, die Bürgervertretung aller 13 Staaten Nordamerikas, die Unabhängigkeitserklärung (Declaration of Independence) und proklamierte damit die Loslösung vom Britischen Empire und die Souveränität der „Vereinigten Staaten von Amerika“. Verfasser der Unabhängigkeisterklärung war der spätere dritte Präsident und indirekter Gründer der demokratischen Partei, Thomas Jefferson. Die Proklamation untergliedert sich in drei Teile.

Im ersten Abschnitt erklärten die Gründerväter die rechtlichen Prinzipien der künftigen Nation:

"Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit. Dass zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; dass sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volkes ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket."

Mit der Garantie von unveräußerlichen Rechten wie Freiheit, Gleichheit und dem Streben nach Glückseligkeit näherten sich die Gründerväter der Idee des Naturrechts nach John Locke an. Gemäß dieser Vorstellung hat jeder Mensch ebensolche Rechte, die sich aus der reinen Vernunft und nicht aus von Menschen geschaffenen Rechtssystemen ableiten. Grundlegend für den politischen Liberalismus der jungen Republik ist der Schutz des Einzelnen vor dem Staate, indem Regierungen, die den Prinzipien der Vereinigten Staaten zuwiderhandelte, durch das Volk abgesetzt werden können. Damit wurden Lockes Prinzipien von Gesellschaftsvertrag und Widerstandsrecht verwirklicht, denen zufolge das Verhältnis zwischen Volk und Regierung einem Vertrag gleicht.

Im zweiten und dritten Abschnitt, die einen deutlich geringeren Bekanntheitsgrad erreicht haben, werden die einzelnen Vergehen Englands gegen die Kolonien aufgelistet. Sie dienen der moralischen und rechtlichen Legitimation der Loslösung vom englischen Mutterland und des Unabhängigkeitskrieges.

In die Offensive

Nach der Unabhängigkeitserklärung begann das Blatt der Vereinigten Staaten sich zu wenden. Mit ihrem Sieg bei Saratoga im Jahr 1777 gingen die Amerikaner in die Offensive. Unterstützung durch die Franzosen in Form finanzieller Mittel, Nachschub und Truppen leisteten ihrem Feldzug für die Unabhängigkeit Vorschub. 1781 fiel mit Yorktown die letzte englische Bastion auf dem amerikanischen Kontinent. Zwei Jahre später erkannte das britische Imperium die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten an. Schon im Jahr 1787 trat in Philadelphia eine verfassungsgebende Versammlung zusammen.

In der Verfassung der Vereinigten Staaten wurden die Teilung der Gewalten in eine Legislative, eine Exekutive und eine Judikative verankert. Die gesetzgebende Gewalt wurde dem Kongress übertragen, der sich in zwei Kammern unterteilt: den Senat, in den jeder Bundesstaat zwei Senatoren entsendet, und das Repräsentantenhaus, in dem die Sitzverteilung proportional zu der Bevölkerungsdichte der einzelnen Staaten vorgenommen wird. Die Exekutive Gewalt führt der Präsident aus, die Judikative der Oberste Bundesgerichtshof. Der Präsident kann gegen Gesetze des Kongresses votieren, treten jedoch im Senat und im Repräsetantenhaus jeweils zwei Drittel dafür ein, ist der Widerspruch des Präsidenten wirkungslos.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren nun endgültig eine souveräne Nation. Im Laufe der nachfolgenden 200 Jahre sollte der Staatenverbund beinahe durch eine Bürgerkrieg zerfallen, aber schlussendlich doch auf 50 Staaten anwachsen. Der Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli wird seit 1776 als Jahrestag der Nation landesweit gefeiert.

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