Der Turm von Babel

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Meinung Rubrik, Genetik, DNS, DNA, Babylon

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Der Turm von Babel

Endlich mal wieder etwas, das einen jeden angeht. Die Depeschenaffäre vergessen, das Köpfe-Einschlagen in Nahost verdrängt, und mit einem nagelneuen Dotwin auf der Fernsehmattscheibe ziehen wir uns nicht nur die berühmten 80 % Fernsehmüll, sondern auch die tollsten politischen Debatten rein, seit die Opposition gemerkt hat, dass sie ja auch mal wieder was sagen kann. Das Thema: Genetik. Oder um mit der Werbung zu gehen: "Geht nicht, gibt´s nicht."

Um diese kleine lustige Doppel-Helix dreht sich zur Zeit alles. Um diesen DNA- oder DNS-Strang, genau weiß man das als Laie ja nie. Diese Helix also, die da irgendwo im Körper rumdöst und willkürlich bei der Definition ihres schmucken Eigenheims die Hand gehoben hat: Ein rotes Dach, her damit, braune Wände, Danke sehr, leistungsstark soll es sein, bitteschön, es muss aber auch für gemütliche Abende ohne Bewegung zu haben sein, resistent gegen Krankheiten aller Art.

Der Doppel-Helix soll jetzt ihr Job weggenommen werden, denn ihre Eigenheime haben neuerdings eine eigene Meinung. Und nicht nur das, der Doppel-Helix geht es jetzt gewaltsam an den Kragen: Wenn sie nämlich unzureichend bestückt ist, dann packt man eben neue Veranlagungen rein. Statt rot bitte schwarz, und statt ruhig hätte ich es lieber etwas sportlich aktiv.

Na und? Wird doch mal Zeit, dass es uns maroden Baracken an den Mörtel geht. Seit diversen Jahrtausenden geistern unsere vorsintflutigen Gehäuse nun schon über diesen blauen Planeten, ohne dass ihnen mal einer ein Update verpasst hat. Die Außenwände haben immer noch diese blöden Haare, die heute kein Zweibeiner im Armarni-Zwirn mehr braucht. Dazu dieser vorprogrammmierte Alterungsprozess, damit man irgendwann verrottet, um Platz zu schaffen für andere, neue und vitalere Gehäuse, nur damit die dann auch nach 70 Jahren mit Regenwürmern spielen können. Und dieser nervige Blinddarm, der aber auch zu gar nichts mehr Nutze ist, trotzdem ständig platzten tut.

Soviel Brimborium wegen ein paar kleiner Stoffe mit den klangvollen Namen "C" oder "G", die an einer Helix rumhängen. Albern. Man dürfte doch nicht Gott spielen, sagen sie. Das Glanzstück göttlicher Schöpfung, der Mensch, was maßen wir uns denn an?
Pfffffffffff. Reichlich spät. Nach dem ganzen Flüsse begradigen, Tiere töten und Pflanzen kreuzen, Atome spalten und Menschen hinrichten, Völker bekriegen, Religionen pervertieren und Buddhas wegsprengen, Altöl in Meere kippen und Nerze tragen, tolle Bomben basteln, was bleibt denn noch? Genau, und langsam wird es doch mal Zeit! Die logische Konsequenz ist, dass wir uns endlich selbst verbessern, bevor nichts mehr da ist.

Die Krone der Schöpfung muss sich schleunigst selbst erneuern, sonst geht sie unter. Wenn Gott uns schon die Möglichkeit zum Sündigen eingeräumt hat, dann her mit der ganzen Hand! Wenn wir unseren Lebensraum wie eine Kanne Mist behandeln können, dann ist doch wohl selbstverständlich, dass wir uns aus dem angehäuften Berg Kot auch wieder selbst herausgraben dürfen! Wie wäre es mit einer neuen Haut, gegen die blöde Sonne, die eh nur Krebs verursacht, oder neue Lungen, die ich mir immer mit der gepriesenen Freiheit aus den Zigaretten geteert habe. Und die lieben Fischchen, die in der Kloake bald nicht mehr atmen können, die sollen auch was davon haben, die werden mit einem Anti-Erdöl-Schuppen-Panzer ausgestattet. Gegen die miese Luft finden wir auch noch ein Gen, nur keine Sorge!

Wieso also dieses Tamtam um diese olle und verstaubte Doppel-Helix? Die ist doch nun völlig veraltet, gar nicht mehr zeitgemäß, und an ihren veränderten Lebensraum will sie sich einfach nicht anpassen. Da warten wir schon jahrelang, bis die Evolution uns mal ein größeres Gehirn an- und den haarigen Pelz abschafft, aber es passiert ja nichts! Alles muss man wieder einmal selber machen, und das kann man uns ja nun wirklich nicht vorwerfen.

Doppel-Helix. Die ist so einfach konzipiert, die lädt doch geradezu zum Manipulieren ein. Wie war das? Nur eine Handvoll Gene unterscheidet uns von einer Wanderschildkröte? Der Mensch - Höhepunkt der Schöpfung. Harhar. Jenny Elvers versucht ständig, uns eines Besseren zu belehren, aber irgendwie kapieren wir es nicht.
Wir und Gott spielen? Kein Gedanke! Wenn unsere Seele mit so einer alten Klapperkiste von Körper ausgestattet wurde, kann uns doch keiner den Gang in eine Werkstatt vermiesen.

Gott spielen! Als ob dieses Genetik-Geschnetz das Wichtigste an unserem Dasein wäre. Seit Krieg der Sterne weiß doch wohl jedes Kind, dass die Midi-Chlorianer die entscheidenden Wesen in unserem Körper sind, nicht irgendeine Helix. "Die Macht groß sein in dir, junger Skywalker!" Und wer es immer noch nicht begriffen hat: Wir leben in einer friedlichen Symbiose mit diesen drolligen Kleinstlebewesen namens Midi-Chlorianer, und in Verbindung mit einem scharfen Laserschwert wird es zornig! Und wenn hier einer an meinen Midi-Chlorianern rummanipulieren will, dann mach ich ihn zur Schnecke und tret ihn von hier bis nach Babylon! Die Helix ist da doch nur Datenmüll, etwa so wie eine unerwünschte Werbeemail: Man hat nicht danach gefragt, aber bekommt sie trotzdem. Ab in den Papierkorb damit!

An meine Midi-Chlorianer jedenfalls lass ich den Schröder nicht ran, meine Helix aber bringe ich persönlich zum Update. "Laden Sie sich ihren neuen Antialterungsprozess hier auf ihre Stammzellen, nur 2 KB, Downloadzeit eine halbe Millisekunde." Und wenn irgendwann die Jedi-Ritter landen und das jüngste Gericht veranstalten wollen, dann mach ich mich davon, über den Turm von Babel entschwinde ich den Racheengeln, über den Turm, den die Babylonier gebaut haben und der bis in den Himmel reicht.

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