Der Selbstmord und seine rechtliche Problematik

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Strafrecht - Straftaten Rubrik, Selbstmord, Selbsttötung

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Nichteinschreiten beim Suizid - Tötung auf Verlangen durch Unterlassen ?

Ob man sich durch das Nichtverhindern des Todeseintritts der "Tötung auf Verlangen ( 216 StGB ) durch Unterlassen" strafbar macht, wurde vom Bundesgerichtshof auf recht verwirrende Weise gelöst.

Zunächst stellt sich die Frage der Strafbarkeit durch Unterlassen sowieso nur, wenn zwischen dem Selbstmörder und dem Unterlassenden eine besondere Beziehung besteht, die zur Einschreitung verpflichtet - der Unterlassende müsste Garant des Selbstmörders sein, wie z.B. Vater, Mutter, Kind wegen der familiären Beziehung in gerader Linie. Bei Selbstötung kommt insbesondere noch die Garantenstellung aus Ingerenz in Betracht, wenn man dem Lebensmüden auf dessen Weisung hin Gift, einen Strick oder dergleichen besorgt.
Besteht keinerlei Garantenstellung, so kommt für den Beteiligten nur noch die unterlassene Hilfeleistung in Frage.

Beispielsfall: Ein Mann ist totkrank und leidet schlimme Qualen. Der Mann kann sein Bett nicht verlassen, Freude bereitet ihm nichts mehr. Er beschließt, seinem Leben vorzeitig ein Ende zu setzen und bespricht dies mit seiner Frau. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass die Frau Gift besorgen und dem Ehemann geben solle. Der Mann will sich das Gift dann selbst einflößen.
Gesagt getan. Die Frau besorgt das Gift und stellt es dem Mann ans Bett. Nach einer Verabschiedung nimmt der Mann das Gift ein, die Frau sitzt daneben und hält seine Hand. Nach Einnahme des Gifts wird der Mann ohnmächtig und verstirbt 30 Minuten später.

Der BGH urteilte für einen ähnlichen Fall folgendermaßen: Bis zu der Einnahme des Gifts sei der Frau nichts vorzuwerfen, da ihr Ehemann eigenverantwortlich und selbständig das Gift genommen habe, insoweit also Tatherrschaft hatte. Die Frau hätte keinen Einfluss auf den Vorgang gehabt, denn es hing vom Mann allein ab, ob er das Gift wirklich nehme oder nicht.
Mit Eintreten der Ohnmacht, so der BGH in seiner Entscheidung, ändere sich aber die Lage: die Tatherrschaft gehe auf die Frau über, da der Mann keine Herrschaft mehr über das Geschehen habe, vielmehr hänge es ab dem Moment der Ohnmacht von der Frau allein ab, ob der Erfolg (Tod des Mannes) eintrete oder nicht. Da die Frau Garant aus familiärer Verbundenheit sei, bestand für sie die Pflicht des Handelns ab der Ohnmacht. Da die Frau aber nichts tat, sei sie Unterlassungstäterin. Die Frau sei strafbar wegen "Tötung auf Verlangen durch Unterlassen".

Nach einem beendeten Selbstötungsversuch soll dem anwesenden oder hinzukommenden Garanten die Tatherrschaft stets in dem Augenblick zufallen, in welchem der Suizident bewusstlos und handlungsunfähig geworden ist, weil es jetzt allein von seinem (des Garanten) Willen abhängt, ob der Schutzbefohlene stirbt oder der Eintritt des Todes verhindert wird ( BGHSt 32, 367 (376) - Wittig-Fall).

Interessant. Die Frau kann ihrem Mann straflos Gift besorgen, dies in ein Wasserglas mischen und dem Mann hinstellen. Sobald der Mann das Gift aber eingenommen hat, soll die Frau verpflichtet sein, das Gift wieder herauszupumpen bzw. den Notarzt zu rufen?

Der BGH führte zur Begründung insbesondere die Suizidstatistik bzw. Suizidforschung an: Bei der Mehrheit aller Selbstmordversuche seien die Überlebenden froh, gerettet worden zu sein, da der Selbsttötung in der Regel ein Appell an das Umfeld zugrunde liege.

Aber auch der BGH trägt dem Willen des Suizidenten Rechnung: es sei auf den Einzelfall abzustellen. Es könne sein, dass die Pflicht des Garanten zum Handeln im Konflikt mit dem Todeswunsch zurücktrete.

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Seiten in diesem Artikel:
Seite  1:  Der Selbstmord - Problemüberblick
Seite  2:  Die Selbsttötung
Seite  3:  Die Teilnahme an einem Selbstmord
Seite  4:  Nichteinschreiten beim Suizid - Tötung auf Verlangen durch Unterlassen?
Seite  5:  Selbsttötung und unterlassene Hilfeleistung
Seite  6:  Fazit
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