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Das Zauberwort heißt Inspiration
Seite 1 - jtm vom 21.06.2004

Das Zauberwort heißt Inspiration

Das haben wir doch alles schon mal irgendwo gesehen

„Liest Du die Bibel Brad? Da gibt es eine Stelle, die ich fast auswendig kann. Ich glaube, Hesekiel 25,17. Die passt hier irgendwie: «Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet. Denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder.» Und da steht weiter: «Ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen, dass sie erfahren sollen: Ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe.»

Mit diesen Worten setzt sich Jules Winfield alias Samuel L. Jackson groß in Szene, bevor er das Hirn jenes armen Brad an der Wand verteilt. Gemeint ist natürlich eine der Kult-Szenen aus Tarantinos Trash-Epos „Pulp Fiction.“ Doch Vorsicht: Das ist alles nur geklaut - das ist alles gar nicht seins. Winfields Lamento ist aus dem Buch Hesekiel und dem Psalm 23 aus der Bibel zusammengeklaubt. Quentin Tarantino als Dieb geistigen Eigentums? Nicht wirklich. Schon weil sich Hesekiel sehr wahrscheinlich nicht aus seiner Gruft erheben und sich beschweren wird, dass ein Drehbuchautor seine weisen Worte ausschlachtet, um eine Leinwandhinrichtung massentauglich zu inszenieren. Aber auch das Urheberrecht greift hier nicht. Geistiges Eigentum ist nur für eine Dauer von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers geschützt. Danach ist das "Werk" frei verfügbar.

Anders als Tarantino erging es Roland Emmerich. Jüngst versuchte ein Havard-Professor mit dem klangvollen Namen Ubaldo di Benedetto auf der Welle des Plagiats zu reiten, indem er der den Hollywood-Erfolsgregisseur vor den Kölner Kadi zerrte. Der Vorwurf: Emmerich hätte für seinen Eiszeit-Thriller „The Day after Tomorrow“ tief in Benedettos Ideenkiste gegriffen und im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt aus seinem Roman „Polar Day 9“ abgekupfert. „Das ist das Bescheuertste, was ich in meinem ganzen Leben gehört habe“, sagte schon Robert de Niro in „Taxi Driver“. Glücklicherweise schlug das Kölner Gericht, das den Fall zurzeit verhandelt, in die gleiche Kerbe.

Schon im Vorfeld des Urteils bekundeten die Richter um Margarete Teske, dass sie Benedettos Argumente nicht für stichhaltig ansehen und deshalb nicht geneigt sind, seinem Irrwitz zu entsprechen. Die Idee, einen Film über eine Eiszeit zu machen, die durch Reflexion von Sonnenstrahlung verursacht wird, ist nicht neu und absolutes Allgemeingut. Recht so. Mit ein paar Grundkenntnissen aus dem Physik- und Erdkundeunterricht nebst dem Begriff Treibhauseffekt im Gepäck kann einem so was beim Duschen einfallen.

Plagiat, Ideenklau, das sind alles so dehnbare Begriffe. Das Zauberwort heißt Inspiration, und wer will bitteschön das gottgegebene Recht verwehren, sich inspirieren zu lassen. Nach annähernd 5.000 Jahren Zivilisation oder einer Existenzform, die gerne als solche bezeichnet wird, sind doch eigentlich alle Ideen verbraucht. Selten fällt jemandem etwas wirklich Neues ein. Alles ist schon mal da gewesen. So ist es dann und wann halt erforderlich, sich aus dem existierenden Gedankengut etwas Geeignetes herauszupicken und etwas Besseres daraus zu machen; oder zumindest etwas Eigenes. Das muss nicht gleich ein Plagiat sein. Inspiration bedeutet eben gerade nicht, etwas 1 zu 1 abzuschreiben.

Die Fernsehmacher greifen selten auf eigene Ideen zurück. Sobald ein Sender mit einem Format Erfolge verzeichnet, wartet die Konkurrenz mit ähnlichen Formaten auf. Nach dem Erfolg mit „Wer wird Millionär“ schossen überall vergleichbare Sendungen aus der Fernsehlandschaft. Wichtig dabei ist: ähnliche Formate. Würden die Sender die Erfolge ihrer Konkurrenz originalgetreu übernehmen, würden sie sich des Plagiats schuldig machen. Ideen an sich sind nicht schützbar. Erst wenn sie, wie im Falle von „Wer wird Millionär“, in ein konkretes Werk umgesetzt sind, greift das Urheberrecht. Die vorausgegangene Idee kann aber jeder beliebig oft und in jeder Darreichungsform aufgreifen. So setzen die Sender dem gelangweilten Zuschauer einfach ähnliche Konzepte vor. Inspiration eben.

Inspiration ist so alt wie die Menschheit. Selbst William Shakespeares Hamlet geht nicht allein auf seine Idee zurück. Der Stratforder ließ sich dabei locker flockig von einer altnordischen Sage inspirieren. Und so viele Filmemacher wiederum bedienen sich mit großem Eifer bei Shakespeare. Baz Luhrmanns postmoderner Pop-Abklatsch auf Romeo und Julia ist nur als ein Beispiel zu nennen. Auch Berthold Brecht war nicht ohne. Mangels wirklicher Kreativität hat er kurzerhand Bibelpassagen zu Theaterstücken umgeschrieben. Der „Kaukasische Kreidekreis“ ist nichts weiter als eine Cover-Version der biblischen Geschichte von Salomon.

Filmemacher klauen schon seit Menschengedenken; oder zumindest, solange es zwei Filme gab: Einer aus dem man klauen konnte und einer, in dem das Geklaute verarbeitet wurde.
Wie oft schon wurde das Motiv von Cary Grant aufgegriffen, der von einem Flugzeug durch ein Maisfeld gejagt wird. Das haben wir doch schon so oft gesehen, dass viele gar nicht mehr wissen, woher die ursprüngliche Szene eigentlich stammt. Nämlich aus Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“. Und wie steht es mit der Szene, in der ein Mann vor einem Spiegel das Waffenziehen übt und sich in Selbstgesprächen darüber mokiert, von einem Unbekannten angequatscht zu werden. Taxi Driver. „Der Eisbär“, Deutschlands Antwort auf „Pulp Fiction“, wartet statt mit „Le BigMac“ mit ausufernden Diskussionen über Pommes Frites, den Ausmaßen von Genitalien und dem Klau von Fleischbrötchen auf.

Fazit ist doch, dass wir alle wie die Wahnsinnigen klauen. Die Inspiration ist allgegenwärtig und deshalb muss zwischen Inspiration und Plagiat differenziert werden. Es ist doch fast unmöglich, sich nicht von diesem Wust an Ideengut beeinflussen zu lassen, mit dem man tagtäglich bombardiert wird. Schnell hält man da eine Idee für seine eigene, obwohl man sie zwei Stunden zuvor irgendwo gelesen hat. Die Welt ist ein kreativer Selbstbedienungsladen und wir müssen nur zugreifen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Einstellung der Kölner Richter Schule macht und ähnliche Klagen schon im Keim erstickt. Wie Robert de Niro einst zu Cybill Shephard sagte: „Ist geschenkt.“



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