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Das Zauberwort heißt Inspiration - 1/1
jtm vom 21.6.2004   12727 Aufrufe    Leserwertung: 0,0 (0 User)
Rubrik: Editorial - Leitartikel

Das Zauberwort heißt Inspiration

Das haben wir doch alles schon mal irgendwo gesehen

„Liest Du die Bibel Brad? Da gibt es eine Stelle, die ich fast auswendig kann. Ich glaube, Hesekiel 25,17. Die passt hier irgendwie: «Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet. Denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder.» Und da steht weiter: «Ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen, dass sie erfahren sollen: Ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe.»

Mit diesen Worten setzt sich Jules Winfield alias Samuel L. Jackson groß inSzene, bevor er das Hirn jenes armen Brad an der Wand verteilt. Gemeint ist natürlicheine der Kult-Szenen aus Tarantinos Trash-Epos „Pulp Fiction.“ Doch Vorsicht: Das ist alles nur geklaut - das ist alles gar nicht seins. Winfields Lamento ist aus dem Buch Hesekiel und dem Psalm 23 aus der Bibel zusammengeklaubt.Quentin Tarantino als Dieb geistigen Eigentums? Nicht wirklich. Schon weil sich Hesekiel sehr wahrscheinlich nicht aus seiner Gruft erhebenund sich beschweren wird, dass ein Drehbuchautor seine weisen Worteausschlachtet, um eine Leinwandhinrichtung massentauglich zu inszenieren.Aber auch das Urheberrecht greift hier nicht. Geistiges Eigentum ist nur füreine Dauer von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers geschützt. Danach ist das "Werk" frei verfügbar.

Anders als Tarantino erging es Roland Emmerich. Jüngst versuchte einHavard-Professor mitdem klangvollen Namen Ubaldo di Benedetto auf der Welle des Plagiats zureiten, indem er der den Hollywood-Erfolsgregisseur vor den Kölner Kadizerrte. Der Vorwurf: Emmerich hätte für seinen Eiszeit-Thriller „The Dayafter Tomorrow“ tief in Benedettos Ideenkiste gegriffen und im wahrstenSinne des Wortes eiskalt aus seinem Roman „Polar Day 9“ abgekupfert. „Dasist das Bescheuertste, was ich in meinem ganzen Leben gehört habe“, sagteschon Robert de Niro in „Taxi Driver“. Glücklicherweise schlug das KölnerGericht, das den Fall zurzeit verhandelt, in die gleiche Kerbe.

Schon im Vorfeld des Urteils bekundeten die Richter um Margarete Teske, dasssie Benedettos Argumente nicht für stichhaltig ansehen und deshalb nichtgeneigt sind, seinem Irrwitz zu entsprechen. Die Idee, einen Film über eineEiszeit zu machen, die durch Reflexion von Sonnenstrahlung verursacht wird,ist nicht neu und absolutes Allgemeingut. Recht so. Mit ein paarGrundkenntnissen aus dem Physik- und Erdkundeunterricht nebst dem BegriffTreibhauseffekt im Gepäck kann einem so was beim Duschen einfallen.

Plagiat, Ideenklau, das sind alles so dehnbare Begriffe. Das Zauberwortheißt Inspiration, und wer will bitteschön das gottgegebene Recht verwehren,sich inspirieren zu lassen. Nach annähernd 5.000 Jahren Zivilisation odereiner Existenzform, die gerne als solche bezeichnet wird, sind docheigentlich alle Ideen verbraucht. Selten fällt jemandem etwas wirklichNeues ein. Alles ist schon mal da gewesen. So ist es dann und wann halterforderlich, sich aus dem existierenden Gedankengut etwas Geeignetesherauszupicken und etwas Besseres daraus zu machen; oder zumindest etwasEigenes. Das muss nicht gleich ein Plagiat sein. Inspiration bedeutet ebengerade nicht, etwas 1 zu 1 abzuschreiben.

Die Fernsehmacher greifen selten auf eigene Ideen zurück. Sobald ein Sendermit einem Format Erfolge verzeichnet, wartet die Konkurrenz mit ähnlichenFormaten auf. Nach dem Erfolg mit „Wer wird Millionär“ schossen überallvergleichbare Sendungen aus der Fernsehlandschaft. Wichtig dabei ist:ähnliche Formate. Würden die Sender die Erfolge ihrer Konkurrenzoriginalgetreu übernehmen, würden sie sich des Plagiats schuldig machen. Ideen an sich sind nicht schützbar. Erst wenn sie, wie im Falle von „Wer wird Millionär“, in ein konkretes Werk umgesetzt sind, greift das Urheberrecht. Die vorausgegangene Idee kann aber jeder beliebig oft und in jeder Darreichungsform aufgreifen. So setzen die Sender dem gelangweilten Zuschauer einfach ähnliche Konzepte vor.Inspiration eben.

Inspiration ist so alt wie die Menschheit. Selbst William ShakespearesHamlet geht nicht allein auf seine Idee zurück.Der Stratforder ließ sich dabei locker flockig von einer altnordischen Sageinspirieren. Und so viele Filmemacher wiederum bedienen sich mit großemEifer bei Shakespeare. Baz Luhrmanns postmoderner Pop-Abklatsch auf Romeound Julia ist nur als ein Beispiel zu nennen. Auch Berthold Brecht warnicht ohne. Mangels wirklicher Kreativität hat er kurzerhand Bibelpassagenzu Theaterstücken umgeschrieben. Der „Kaukasische Kreidekreis“ ist nichtsweiter als eine Cover-Version der biblischen Geschichte von Salomon.

Filmemacher klauen schon seit Menschengedenken; oder zumindest, solange eszwei Filme gab: Einer aus dem man klauen konnte und einer, in dem das Geklaute verarbeitet wurde.
Wie oft schon wurde das Motiv von Cary Grant aufgegriffen,der von einem Flugzeug durch ein Maisfeld gejagt wird. Das haben wir dochschon so oft gesehen, dass viele gar nicht mehr wissen, woher dieursprüngliche Szene eigentlich stammt. Nämlich aus Hitchcocks „Derunsichtbare Dritte“. Und wie steht es mit der Szene, in der ein Mann voreinem Spiegel das Waffenziehen übt und sich in Selbstgesprächen darübermokiert, von einem Unbekannten angequatscht zu werden. Taxi Driver. „DerEisbär“, Deutschlands Antwort auf „Pulp Fiction“, wartet statt mit „LeBigMac“ mit ausufernden Diskussionen über Pommes Frites, den Ausmaßen von Genitalien unddem Klau von Fleischbrötchen auf.

Fazit ist doch, dass wir alle wie die Wahnsinnigen klauen. Die Inspirationist allgegenwärtig und deshalb muss zwischen Inspiration und Plagiatdifferenziert werden. Es ist doch fast unmöglich, sich nicht von diesemWust an Ideengut beeinflussen zu lassen, mit dem man tagtäglich bombardiertwird. Schnell hält man da eine Idee für seine eigene, obwohl man sie zweiStunden zuvor irgendwo gelesen hat. Die Welt ist ein kreativerSelbstbedienungsladen und wir müssen nur zugreifen. Bleibt nur zu hoffen,dass die Einstellung der Kölner Richter Schule macht und ähnliche Klagenschon im Keim erstickt. Wie Robert de Niro einst zu Cybill Shephard sagte: „Ist geschenkt.“

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