Die Nuer - Menschliche Ordnung seit dem Anbeginn der Zeit
AFP VOM 12.4.2006 | Nachrichten - Nachrichten | 39002 Aufrufe Mehr zum Thema:Nuer, Rechtsgeschichte, Selbstjustiz, Blutrache
Cuong (Recht) und duer (Unrecht) sind Schlüsselbegriffe ihres Rechtsverständnisses. Der Glaube spielt bei den Nuer eine wichtige Rolle. Ihr höchster Gott ist kwoth und hat nach ihrer Ansicht alles erschaffen. Er ist für sie die endgültige Erklärung für alles. Gott hat es gegeben und Gott hat es genommen, es ist sein Recht. Cuong wird aber auch allgemein gebraucht, denn es bedeutet soviel wie aufrecht. Das Wort cuong hat auch eine Gemeinsamkeit mit unserem Recht. Es steht nämlich zusätzlich für:
- Objektive Rechte: Die Gesamtheit aller Regeln, gegeben durch die Gnade Gottes.
- Subjektive Rechte: Das Recht, das jemandem allein zusteht, z.B. Anspruch auf ein Stück Vieh durch Hochzeit.
Die Unrechten werden von kwoth bestraft, da sie einen Fehler gemacht haben. Duer also ist der Gegenpol zu cuong und leitet sich aus dwir ab, was soviel bedeutet wie verfehlen. Duer ist allerdings der bewusste Fehler, vergleichbar mit unserem Vorsatzbegriff des modernen Strafrechts. Auch den Begriff der Fahrlässigkeit ist den Nuer bekannt. Sie nennen es gwac .
Zentraler Begriff ist der Glaube an Gott. Gottes Gerechtigkeit kann helfen aber auch bestrafen. Somit existiert bei den Nuer keine Trennung von Recht und Religion wie bei uns. Dieses religiöse Recht wirkt genauso wie die Androhung von Gewalt bei bestehendem Unrecht. Denn dem Verursacher droht der Verlust des Ansehens. Dabei hat der angesprochene moralische Druck und Glaube denselben Effekt, wie die Androhung oder Anwendung von Gewalt in egal welcher Form.
Das Recht der Nuer ist somit ein Zusammenspiel von drei Bestandteilen.
- In der engen Gemeinschaft ist es der moralische Druck der Verwandten. Dieser entsteht nicht durch Gewalt, sondern durch das drohende Ungleichgewicht der Gemeinschaft. Je schwächer dieser Druck, desto eher werden Rechte mit Gewalt durchgesetzt.
- Gewalt. Denn der Druck nimmt mit zunehmender Entfernung ab und kann meist nur durch Androhung von Gewalt ausgeglichen werden. Die Gewalt der Nuer ist dabei nicht frei von Wertung, da nur, wer die Meinung der Allgemeinheit und Gottes auf seiner Seite hat, sein Recht durchsetzen kann.
- Glaube. Derjenige, der Gott auf seiner Seite hat, hat auch Recht.
Dieses Zusammenspiel führt zur Lösung der Nuer für ihre Streitigkeiten, dem Konsens. Das Recht der Nuer besteht nämlich nicht aus der gewaltorientierten Konfliktlösung. Zwar wird zuerst die tätlich Auseinandersetzung gesucht, dann anschließend aber Schlichtung praktiziert. Dies wird daran deutlich, dass es so etwas wie Entschädigung überhaupt gibt. Würde dieses so genannte thung fehlen, wäre die Konsequenz eine Gewaltspirale, die nicht mehr zu stoppen ist. Ohne Schlichtung würde auf Blutrache wieder Rache folgen, bis sich der Stamm selbst ausgelöscht hat. Das zeigt, wie sinnvoll der Konsens für den Fortbestand der Gemeinschaft ist. Thung ist also friedliche Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht und wird nur durch Konsens erreicht.
Seiten in diesem Artikel: Seite 1: Die Nuer - Menschliche Ordnung seit dem Anbeginn der ZeitSeite 2: Was man über die Nuer wissen sollteSeite 3: Unterschiede in der Familienbande zwischen den Nuer und EuropäernSeite 4: Die Nuer: Stamm ohne ObrigkeitSeite 5: Das Recht der NuerSeite 6: Cuong, duer und KonsensSeite 7: Der Mann mit dem LeopardenfellSeite 8: Gründe für den Gang zum PriesterSeite 9: Konfliktlösung des Priesters bei Blutrache - das thungSeite 10: Die Selbstjustiz der Nuer


