Bericht wirft Aloisius-Kolleg schwere Organisationsmängel vor
AFP VOM 15.2.2011 | Nachrichten - Allgemein | 1352 Aufrufe Mehr zum Thema:Missbrauch, Kinder
58 Betroffene berichten von Missbrauch seit den 1950er Jahren
Die Untersuchungskommission zu den Missbrauchsfällen an der Bonner Jesuitenschule Aloisiuskolleg hat der damaligen Schul- und Ordensleitung schwere Mängel in der Organisationskultur und im Wertesystem angelastet. Das Renommee der Jesuitenschule habe lange Vorrang vor der Aufklärung von Verdachtsfällen gehabt, sagte die Leiterin des Ermittlerteams, Julia Zinsmeister, bei der Vorlage des Abschlussberichts am Dienstag in Bonn. Ordensmänner, die warnten und Hinweise auf Fehlverhalten gegeben hätten, seien von Vorgesetzten getadelt worden.
Dem Untersuchungsbericht zufolge berichteten 58 Betroffene von Misshandlungen, die mehrheitlich in 1950er und 1960er Jahren geschehen seien. 31 der ausgewerteten Berichte betreffen demnach einen einzigen Pater, der von 1968 bis 2008 am Aloisiuskolleg arbeitete und lebte. Über die Jahrzehnte seien insgesamt 18 Ordensmitglieder und fünf weltliche Mitarbeiter belastet worden. Erfasst wurden Berichte von Sexualstraftaten, sexuellen Grenzverletzungen, körperlichen Misshandlungen und entwürdigenden Erziehungsmaßnahmen.
Die Fälle wurden Zinsmeister zufolge nicht gezielt vertuscht. Nur in einem Fall aus den 1960er Jahren sei eine Vertuschung nachweisbar gewesen. Zu den Misshandlungen habe beitragen, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen überhaupt nicht mir ihrem Schicksal wahrgenommen worden seien. "Es wurde gar nicht hingesehen", betonte die Juristin. Zinsmeister lobte das neue Präventionskonzept des Aloisiuskollegs vom vergangenen Jahr. Zugleich mahnte sie eine neue Organisationskultur an, die Kritik zulasse.
Der oberste deutsche Jesuitenvertreter, Provinzial Stefan Kiechle, erklärte, er habe den Bericht "mit Bestürzung und Beschämung" gelesen. Außerdem bat er die Opfer erneut um Entschuldigung. Das Leid der Opfer sei lange nicht im Blick gewesen. Die Perspektive habe sich nun gewandelt, so dass nun die Opfer im Mittelpunkt stünden. "Jeder einzelne Fall ist schrecklich und jeder einzelne ist zuviel", sagte Kiechle. Er betonte, dass der seelische Schaden mit der inzwischen angebotenen Zahlung von 5000 Euro pro Betroffenem nicht zu beheben sei.
Jürgen Repschläger von der Opfervertretung "Eckiger Tisch" sagte in Bonn: "Die 5000 Euro halten wir für viel, viel zu gering." Es gehe nicht um eine Wiedergutmachung, sondern eher um eine Art Genugtuungszahlung. Der Gesamtbetrag müsse eine Höhe habe, "der dem Jesuitenorden auch weh tun muss". Nach seiner Einschätzung habe der Perspektivwechsel hin zum Opfer noch nicht in ausreichendem Maße stattgefunden. Repschläger lobte den Untersuchungsbericht als wichtige Grundlage für weitere Aufklärung.
Im vergangenen Jahr waren Übergriffe auch an anderen Jesuitenschulen bekannt geworden, darunter insbesondere im Canisiuskolleg in Berlin, im Kolleg Sankt Blasien und in der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg.
15.02.2011 - 16:01 Uhr


