Auf die kleinen Gesten kommt es an

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Meinung Rubrik, Betrug, Drückerkolonne, Abofalle, Nibiru, Weltuntergang

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Betrug, Drückerkolonnen und Abofallen lauern an jeder Ecke. Trotzdem wird die Welt in einer Woche nicht untergehen.

Der Rechthaber

Neulich konnte ich am Nachbartisch das Telefongespräch eines Kollegen verfolgen. Er hat eine 95-jährige Mandantin, die ihn einmal im Monat anruft, wenn sie den Druck der Drückerkolonnen nicht mehr aushält. So auch diesmal. Mit einer Engelsgeduld erklärte er der alten Dame immer wieder, dass sie nichts zu befürchten hat, dass sie nichts zahlen und keine Post annehmen muss. Sie sollte nicht ihre Bankdaten herausgeben, entsprechende Anrufe am besten sofort durch Auflegen beenden.

Arne Schinkel
Von Arne Schinkel
Mitgründer von 123recht.net und Frag-einen-Anwalt.de. Schreibt über das Recht aus ungewohnter Perspektive: seiner. Beachtet die Symptome und bekämpft die Ursachen. Weniger Paragrafen, mehr Eigenverantwortung. "Was jeder einzelne tun kann? Sehr viel: Verantwortung übernehmen. Und im Fall von Unrecht entscheiden: Da mache ich nicht mit!"

Die Oma war völlig fertig mit den Nerven. Er brauchte über eine halbe Stunde, um die arme Frau zu beruhigen.

Die Masche der Betrüger ist bekannt: Alte alleinstehende Menschen werden gezielt ausgesucht und dann belästigt. Die Frau hatte einmal den Fehler gemacht, etwas zu zahlen. Seitdem wird sie immer wieder von Anrufern bearbeitet und bedroht. Ein Anrufer heuchelte sogar Verständnis: "Sie werden ja wirklich oft per Telefon belästigt. Ich kann Ihnen ein Gerät zuschicken, das dafür sorgt, dass Ihre Telefonnummer aus entsprechenden Listen verschwindet. Das kostet nur 900 Euro im Jahr, und Sie sind alle Anrufe los."

Was sind das für Menschen, die alte, alleinstehende, hilflose Frauen ausrauben? Völlig überforderte Menschen ausnutzen und ihnen Angst einjagen?

Betrüger schrecken natürlich auch vor Firmen nicht zurück. Unternehmen bekommen z.B. ständig Post für irgendwelche dubiosen Eintragungen in noch dubiosere Register. Die Schreiben sind immer so aufgemacht und layoutet, als wäre es ein offizielles Schreiben einer Behörde oder eines Amtes. Nach einer erfolgten Markeneintragung z.B. wird man mit Zahlungsaufforderungen bombadiert. 498 Euro für eine Eintragung in irgendein unsinniges Register, schlappe 1.950 Euro für die "europäische Eintragung". "Wir bitten um Zahlung des Endbetrages innerhalb von 7 Tagen." Der vorausgefüllte Überweisungsbeleg fehlt natürlich nicht.

Das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) warnt bereits auf seiner Webseite vor diesen Neppern, die sich Geld erschwindeln wollen. Unglaublich viele Firmen fallen trotzdem auf diese Masche rein.

Bei so viel krimineller Energie muss man aufpassen, nicht an der Menschheit zu verzweifeln. Vielleicht sind wir ja doch dazu verdammt, am 21.12.2012 mit Nibiru zusammenzustoßen. Nibiru, bomb uns alle weg, wir verdienen es doch nicht anders!"

Aber es gibt ja auch gute Taten wie die meines Kollegen, die hier die Waage wieder gerade stellen. Er berechnet für das "Mandat" der Omi kein Geld. Er nimmt sich die Zeit und hilft der Frau gerne. Zwischen all dem Müll, der dort draußen passiert, gibt es auch immer wieder Gutes.

Es betätigen sich mehr Menschen in sozialen Projekten, als man denkt. Nicht in "sozialen" Netzwerken, sondern im echten Leben. Für Kinder, Hilfsbedürftige, Kranke, Opfer. Und auch im oft verteufelten Internet, wo Betrug und Missbrauch ein tägliches Geschäft sind, gibt es die andere Seite der Medaille. In Internet-Foren gibt es nicht nur Beleidigungen und Verleumdungen. Es gibt eben auch die Unmengen an selbstlosen Nutzern, die in der Community Fragen beantworten und anderen helfen. Im Rechtsforum auf 123recht.net etwa gibt es viele Poweruser der unterschiedlichsten Berufsgruppen, die ihre Erfahrung und ihr Wissen mit Ratsuchenden teilen. Kostenlos, mit einer bewundernswerten Ausdauer und Geduld. In anderen Foren ist das nicht anders.

Und es sind die kleinen Taten im täglichen Leben, die einen hoffen lassen. Selbstlose Gesten, ohne eine Gegenleistung oder ein Danke zu erwarten. Einer alten Dame über die Straße helfen, einem Blinden den Weg weisen. Die Tür aufhalten, beim Kinderwagen mit anpacken. Etwas schenken, einfach nur so. Fremden Müll wegwerfen. Jemandem, den man gar nicht kennt, zur Hand gehen. Oder einfach zuhören. Zeit, Aufmerksamkeit schenken. Essen teilen, verzichten, abgeben, obwohl man selbst wenig hat. Den Konkurrenten oder das Webportal nicht direkt abmahnen, sondern zunächst versuchen, die Angelegenheit ohne Kosten zu bereinigen.

Viele Menschen sind gar nicht so, wie lokale Nachrichten, Strafprozesse, Abofallen, Callcenter und das aktuelle Weltgeschehen glauben machen. Es kommt eben darauf an, worauf man die Wahrnehmung lenkt. Die täglichen Nachrichten suggerieren uns einen Kriegsplaneten Erde, auf dem überall Terror vorherrscht. Eine andere Sichtweise gibt es aber auch: Noch vor 60 Jahren war Krieg auf unserem Kontinent etwas Normales. Männer zogen für ihr Land in den Krieg, so war es schon immer. Mittlerweile zweifelt ein großer Teil der Menscheit dieses alte Routine an. Es ändert sich was.

Und genau deswegen gibt es Hoffnung. Genau deswegen wird die Welt am 21.12.2012 nicht untergehen. Nibiru fliegt vorbei. Und die gewissenlosen Täter, die nicht davor zurückschrecken, andere Menschen abzuzocken - sie werden stetig weniger werden.

Frohe Weihnachten!

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