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Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles
Seite 1 - del vom 01.09.2004

Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles

Wie im Kindergarten

Endlich, die Olympischen Spiele sind vorbei. Jetzt kann man abends auch wieder etwas Produktiveres machen, außer jungen Menschen aus aller Welt bei Spielen zuzuschauen, die für Frieden und Begegnung und den Dialog der Völker stehen. Zwei Wochen Friede, Kommunikation der Völker, Freude, Olympische Spiele sollen zeigen, dass fremde Nationen zusammen finden und auch ohne Krieg richtig glücklich sein können.

Jetzt sind die Spiele ein paar Tage vorbei, und der Alltag hat uns wieder. Terror, Kriege, Geiselnahmen, Lug und Betrug. Hey, das gab es auch die letzten zwei Wochen, noch während der Spiele in Athen. Aber wenn schon nicht für den Rest der Welt, war denn wenigstens in Griechenland für zwei Wochen alles Friede, Freude, Eierkuchen? Waren die Spiele "friedlich"?

Von wegen Eierkuchen! Pustekuchen!

Olympische Spiele nehmen von sich in Anspruch, ein Lichtblick zu sein in einer Welt der Not, des Terrors, der präventiven Kriege. Doch sind sie das? Mitnichten. Eher spiegeln die Spiele unsere Gesellschaft, und zwar so, wie sie in Wirklichkeit ist: egoistisch, verbissen, engstirnig, intolerant, betrügerisch, parteiisch, heuchlerisch. Die Liste setzt sich fort.

Von wegen "friedliches Miteinander" der Nationen. Nirgendwo werden nationale Interessen und Nationalstolz so offenbar wie bei den Spielen der Spiele. Olympische Spiele sind Krieg, nennen wir das Kind doch beim Namen! Ein Krieg der Nationen, in dem es nur um eines geht: ein Platz möglichst weit oben auf dem Medaillenspiegel. Möglichst viel Gold. Dass "dabei sein" mittlerweile längst nicht mehr alles ist, weiß wohl heute jedes Kind.

Gold holt man nicht für sich, sondern für sein Land! Das heimische Publikum geht nur dann wirklich mit, wenn Sportler der eigenen Nation mitkämpfen. Leistung anderer? Niederbuhen, Pfeifkonzert. Schon vor dem Start. Man trauert lautstark eigenen Sportlern nach, die des Dopings überführt wurden und verhält sich unsportlich gegenüber Sportlern anderer Nationen.

Juries, Proteste, Gegenproteste, Schiedsgerichte. Wie im Kindergarten, oder besser: Wie bei internationalen Konflikten zwischen Ländern, und am Ende entscheidet der Internationale Gerichtshof.

Sportler werden verheizt und kaputt gemacht wie Soldaten in der Schlacht. Verluste? Werden für einen höheren Zweck hingenommen.
Sportler gewisser Länder reden nicht miteinander, andere treten nicht an, weil sie sich nicht mit einem Sportler aus "dieser Nation" messen wollen.

Medien berichten mit ihrer nationalen Brille, und wehe, die deutschen Schwimmer "saufen wieder ab" und "gehen baden". Was für eine Schande, was für eine Schmach! Da kann man ja überhaupt nicht mehr in Urlaub fahren bei so einer Leistung, die anderen müssen sich über uns ja totlachen! Scheiße, so ein kleiner japanischer Fleck auf der Landkarte ist beim Medaillienspiegel vor uns, wie konnte das nur passieren! Wie groß war die Angst, dass Frankreich im Medaillienspiegel vor uns steht.

Gold ist alles, Silber nichts. Die besten Nationen finden Beachtung, der Rest verpufft auf internationalen Newstickern. Was denn, kein Weltrekord? Langweilig! Kein Gold geholt? Schäm dich! Versager.

So ist nun mal die Welt, in der wir leben, und beim Sport geht es wie im richtigen Leben ums Gewinnen. Füreinander, miteinander, körperliches Wohlbefinden, Gesundheit? Also bitte, längst Geschichte.

Der Sport reflektiert unsere Gesellschaft, und die Olympischen Spiele machen keine Ausnahme. Soll man sich also beschweren? Nein! Albern, richtig albern ist nur diese ewige Heuchlerei. Die Spiele sind keine "Insel des Friedens" in einer schrecklichen Welt. Schönrednerei. Die Spiele sind genau so gnadenlos und grausam wie das Universum drumherum. Ein Raubtierkäfig, in dem es nur um eines geht: fressen, oder gefressen werden. Also lasst doch bitte eure Lobeshymnen und sagt es, wie es ist, in vier Jahren in Peking: "Die Kriege sind eröffnet. Möge die beste Nation gewinnen!"



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Guido Wurll, Düsseldorf, Fachanwalt Arbeitsrecht
beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Arbeitsrecht, Kündigungsschutzrecht, Betriebsverfassungsrecht.
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