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ANALYSE: Rätsel um westliche "Gotteskrieger" bleibt ungelöst

AFP VOM 4.3.2010 | Nachrichten - Nachrichten | 1053 Aufrufe
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Sauerland-Zelle, Terror

Richter: Islamismus hat "verheerende Anziehungskraft"

Was treibt westlich geprägte junge Männer dazu, in den "Heiligen Krieg" zu ziehen? Eine der zentralen Fragen im Düsseldorfer Sauerland-Prozess blieb letztlich auch mit dem Urteil unbeantwortet. Nach gut zehn Monaten und 65 Prozesstagen verhängte der Terrorismussenat zwar harte Strafen gegen die vier angeklagten Islamisten, darunter die deutschen Konvertiten Fritz Gelowicz und Daniel Schneider. Offenbar habe der gewaltbereite Islamismus "auch auf junge Menschen in unserer Gesellschaft eine verheerende Anziehungskraft", befand Richter Ottmar Breidling. Die Frage nach dem tieferen Grund dafür wollte er aber nicht beantworten.

Zwölf Jahre sollen der 30-jährige Gelowicz und der 24 Jahre alte Schneider ins Gefängnis, elf Jahre ihr Komplize Adem Yilmaz, fünf Jahre der Deutsch-Türke Atilla Selek als Unterstützer der Sauerland-Gruppe. Das Quartett hatte gestanden, in Deutschland Sprengstoffanschläge auf US-Soldaten und amerikanische Einrichtungen geplant zu haben. Dabei sei in den Köpfen der Angeklagten und ihren Gesprächen die Vorstellung von einem "zweiten 11. September" herumgegeistert, sagte Breidling in der Urteilsbegründung.

"Es sind nicht nur die vier Angeklagten, die aus Verblendung und verqueren Dschihad-Ideen sowie aus Hass auf die 'Ungläubigen', vor allem Amerikaner, zu nahezu grenzenlosem und hemmungslosem Töten bereit waren", zeigte sich der Terrorismusrichter überzeugt. Es gebe offenbar zahlreiche verführbare oder schon verführte junge Männer, die sich "auf den Weg zum Töten" begäben und sich dabei in der Rolle von "Todesengeln im Namen des Islam" sähen.

Denn der weltweite islamistische Terrorismus greife weiter um sich und erfasse inzwischen auch junge Leute, die in der westlichen Kultur aufgewachsen seien - Menschen, die sich "orientierungslos von den lauten und schrillen Angeboten der ideologischen Verirrungen unserer Zeit unkritisch begeistern lassen".

Umso verführbarer seien diese Menschen dann "für radikale Ideen, für Gewaltideen, die einfache Antworten geben, einfache, aber auch blutige Antworten auf die Frage, was ist richtig, was ist falsch". "Und umso verführbarer sind sie dann für Hassprediger, wie sie zunehmend auch in unserem Land ihr Unwesen treiben - unter Missbrauch der Freiheitsrechte unserer Verfassung", sagte Breidling. So habe Gelowicz beispielsweise im Multikulturhaus in Neu-Ulm, einem früheren Islamisten-Treffpunkt, ein "überaus gefährliches Zuhause" gefunden.

Doch gerade der Sauerland-Prozess werfe eine Fülle von Fragen auf, "deren Beantwortung wir uns allenfalls zu nähern vermögen", gab Breidling zu. "Vielleicht müssen wir auch auch erkennen, dass wir noch nicht einmal all die Fragen benennen können, die sich hinsichtlich des Phänomens 'islamistischer Terrorismus' stellen, wie sollen wir dann bereits ihre Antwort kennen?"

Manchen dürften solch nachdenkliche Worte des erfahrenen Terrorismusrichters überrascht haben, der eine Vielzahl großer Islamismus-Prozesse geleitet hat - darunter die Verfahren gegen Metin Kaplan und dessen Kölner "Kalifatsstaat", Mitglieder der islamistischen Netzwerke El Kaida und El Tawhid sowie den Kofferbomber von Köln.

Breidling ging sogar noch weiter: Es sei nicht Sache der Justiz, Anworten zu finden auf das Problem des islamistischen Terrorismus als "die Geißel unserer Zeit". Nicht die Gerichte seien berufen, "Auskunft zu geben oder gar Lösungen zu formulieren für diese drängenden Fragen unserer Zeit". "Die Strafverfahren, in denen wir uns mit islamistischem Terror zu befassen haben, sind allenfalls geeignet, den Blick auf dieses Phänomen zu erweitern."

4. März 2010 - 15.44 Uhr

© AFP Agence France-Presse GmbH 2010


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